Feiertage und Sonntage:

Kommentare der Kirchenväter und Predigten zu den Sonntagen

 

 

 

Der Gottesdienst

 

 

Die Feier des Gottesdienstes, d. h. der Dienst für Gott, ist der wichtigste Grund, weshalb Kirchen gebaut werden und weshalb Menschen Kirchen besuchen. Als Dienst für Gott im engen Sinn kann man einen Dienst des Menschen mit Wort und Tat bezeichnen, der nur für Gott bestimmt ist. Gottesdienste zelebrieren nur Geistliche, es nehmen auch Laien daran teil, die einen Segen für das Singen oder Lesen haben. Alle orthodoxen Christen, die in die Kirche kommen, nehmen durch ihr Gebet am Gottesdienst teil.

 

 

 

Orthodoxe Feste

 

 

Die orthodoxen Feste haben verschiedene Rangstufen. Ostern ist das Fest der Feste. Die Hauptfeste des Jahres (es gibt deren zwölf und sie heißen deshalb die “zwölf Feste” – dvunadesjatye prazdniki) sind: Christi Geburt (Weihnachten), Taufe des Herrn oder Erscheinung des Herrn, Begegnung des Herrn (Mariä Lichtmess), Mariä Verkündigung, Einzug des Herrn in Jerusalem, Christi Himmelfahrt, Fest der Heiligen Dreifaltigkeit (Pfingsten), Verklärung des Herrn, Mariä Entschlafung, Mariä Geburt, Kreuzerhöhung und Mariä Einführung in den Tempel.

Die zweite Stufe sind die großen Feste. Zu ihnen gehören: die Beschneidung des Herrn, das Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus, Mariä Schutz, das Fest des Erzengels Michael, der Gedenktag des heiligen Nikolaus und andere.

Viele Feste sind Heiligenfeste. Davon werden einige feierlicher, andere weniger feierlich begangen. Dies hat nationale und historische Gründe. Die Russische Orthodoxe Kirche feiert auch viele Feste zu Ehren der Gottesmutter und ihrer wundertätigen Ikonen.

 

 

 

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Am Sonntag, den 24.09.2017

(11.09.2017 nach altem

Kalender), feiern wir den 16. Sonntag nach Pfingsten.

 

Die orthodoxe Kirche feiert an diesem Sonntag auch das Fest des Hl. Siluan vom Berg Athos.

 

Der Heilige Mönch Silvanus (Siluan) von Athos (* 1866 im Distrikt Tambow, Russland; † 24.9.1938 im Hl.-Panteleimon-Kloster auf dem Berg Athos) war einer der bedeutendsten Mönche der Neuzeit auf dem Athos, „ein Mann der großen Liebe“, den viele Mönche als ihren geistlichen Vater und Ratgeber ansahen, der sie mit seiner Liebe zu einem neuen Leben erweckte.

16. Sonntag nach Pfingsten: Von den Talenten

 

 

 

Apostel:

 

 

 

Brüder, als Mitarbeiter ermahnen wir euch auch, die Gnade Gottes nicht vergeblich zu empfangen. Denn es heißt: »Zur angenehmen Zeit habe ich dich erhört und am Tag des Heils dir geholfen«. Siehe, jetzt ist die angenehme Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Wir geben niemand irgend einen Anstoß, damit der Dienst nicht verlästert wird; sondern in allem empfehlen wir uns als Diener Gottes: in viel standhaftem Ausharren, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Unruhen, in Mühen, im Wachen, im Fasten; in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe; im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch die Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und Linken; unter Ehre und Schande, bei böser und guter Nachrede; als »Verführer« und doch wahrhaftig, als Unbekannte und doch wohlbekannt, als Sterbende — und siehe, wir leben; als Gezüchtigte, und doch nicht getötet; als Betrübte, aber immer fröhlich, als Arme, die doch viele reich machen; als solche, die nichts haben und doch alles besitzen.

 

2 Kor 6, 1-10

 

 

 

 

 

Evangelium:

 

 

 

Denn es ist wie bei einem Menschen, der außer Landes reisen wollte, seine Knechte rief und ihnen seine Güter übergab. Dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Kraft, und er reiste sogleich ab. Da ging der hin, welcher die fünf Talente empfangen hatte, handelte mit ihnen und gewann fünf weitere Talente. Und ebenso der, welcher die zwei Talente [empfangen hatte], auch er gewann zwei weitere. Aber der, welcher das eine empfangen hatte, ging hin, grub die Erde auf und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit aber kommt der Herr dieser Knechte und hält Abrechnung mit ihnen. Und es trat der hinzu, der die fünf Talente empfangen hatte, brachte noch fünf weitere Talente herzu und sprach: Herr, du hast mir fünf Talente übergeben; siehe, ich habe mit ihnen fünf weitere Talente gewonnen. Da sagte sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn! Und es trat auch der hinzu, der die zwei Talente empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Talente übergeben; siehe, ich habe mit ihnen zwei andere Talente gewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn! Da trat auch der hinzu, der das eine Talent empfangen hatte, und sprach: Herr, ich kannte dich, daß du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du das Deine! Aber sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, daß ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld den Wechslern bringen sollen, so hätte ich bei meinem Kommen das Meine mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben werden, damit er Überfluß hat; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird das Heulen und Zähneknirschen sein.

 

Mt 25, 14-30

 

 

 

 

Hl. Leo der Große: 1. Predigt über das Fasten im September.

 

 

 

Geliebteste! Es ist uns wohlbekannt, dass ihr euren religiösen Pflichten mit solcher Hingabe nachkommt, so dass ihr nicht nur durch das gebotene Fasten, sondern auch durch ein freiwilliges für eure Seele sorgt. Aber dennoch soll auch unserseits dieser fromme Eifer noch besonders angeregt und empfohlen werden, damit sich auch diejenigen die vielleicht im Fasten etwas lauwarm sind, wenigstens in diesen Tagen bereitwillig der allgemeinen Askese anschließen! Nämlich jetzt müssen wir diesem hochheiligen Brauch besonders nachkommen, um uns durch Demut und Fasten gegen alle unsere Feinde den Beistand Gottes zu verdienen. Ist es doch ein hervorragend wirksames Mittel, das wir euch kraft unseres Amtes und aus Liebe zu euch ans Herz legen: Versagen wir uns ein wenig, was wir sonst alles genießen durften! Züchtigen wir unser Fleisch und denken wir an die Unterstützung der Armen! Wer diesen etwas gibt, gibt es seiner eigenen Seele. Ein Mahl hier auf Erden verwandelt sich für ihn in köstliche Freuden in der Ewigkeit.

 

An die Stelle sündhafter Begierden soll das vermehrte Streben nach einem gottgefälligen Wandel treten! Wir wollen uns los sagen von allem Unrecht! Und auch unsere Gerechtigkeit soll nicht müßig bleiben! Niemand soll an uns einen Bedrücker haben, so mancher dagegen einen Helfer! Es genügt nicht, fremdes Gut unangetastet zu lassen, man muss auch von seinem eigenen etwas opfern; denn wir leben unter den Augen eines gerechten Richters, der sehr gut weiß welche Mittel er einem jeden gegeben hat, um Gutes zu wirken. Gott will nicht, dass seine Gaben ungenützt bleiben. Verteilte er doch die einzelnen Talente, von denen er im Gleichnis zu uns spricht, so unter seine Knechte, saß er den Anteil dessen vermehrte, der frei damit gewirtschaftet hatte, während der sein Talent verlor, der es nutzlos aufbewahrte. Weil es nun, Geliebteste, zu unseren Pflichten gehört, im September zu fasten, so ermahne ich euch fromme Zuhörer, euch mit mir am Mittwoch und Freitag der Speisen zu enthalten. Am Samstag aber wollen wir zusammen beim heiligen Petrus die Vigilien (Gebetsnacht) feiern, um uns durch seine Fürbitte und Verdienste, Befreiung aus allen Widerwärtigkeiten zu verdienen, durch Christus, unseren Herrn, der lebt und waltet in Ewigkeit! Amen.

 


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16. Sonntag nach Pfingsten
16. Sonntag nach Pfingsten_ Von den Tale
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Hl. Siluan - Im Heiligen Geist wird Gott erkannt
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Am Donnerstag, den 21.09.2017 (08.09.2017 nach altem

Kalender), feiert die orthodoxe Kirche das Fest der Geburt der Gottesmutter Maria.

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Das Fest der Geburt der Gottesmutter
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Am Sonntag, den 17.09.2017 (04.09.2017 nach altem

Kalender), feiern wir den 15. Sonntag nach Pfingsten

 

 

 

15. Sonntag nach Pfingsten:

 

 

Vom höchsten Gebot und vom Davidssohn

 

 

 

 

Denn Gott, der dem Licht gebot, aus der Finsternis hervorzuleuchten, er hat es auch in unseren Herzen licht werden lassen, damit wir erleuchtet werden mit der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir werden überall bedrängt, aber nicht erdrückt; wir kommen in Verlegenheit, aber nicht in Verzweiflung; wir werden verfolgt, aber nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber wir kommen nicht um; wir tragen allezeit das Sterben des Herrn Jesus am Leib umher, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar wird. Denn wir, die wir leben, werden beständig dem Tod preisgegeben um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu offenbar wird an unserem sterblichen Fleisch. So ist also der Tod wirksam in uns, das Leben aber in euch. Weil wir aber denselben Geist des Glaubens haben, gemäß dem, was geschrieben steht: »Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet«, so glauben auch wir, und darum reden wir auch, da wir wissen, daß der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns durch Jesus auferwecken und zusammen mit euch vor sich stellen wird. Denn es geschieht alles um euretwillen, damit die zunehmende Gnade durch die Vielen den Dank überfließen lasse zur Ehre Gottes.

 

2 Kor 4, 6-15

 

 

 

 

 

 

In jener Zeit stellte ihm einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, eine Frage, um ihn zu versuchen, und sprach: Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Und Jesus sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken«. Das ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist ihm vergleichbar: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. An diesen zwei Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten. Als nun die Pharisäer versammelt waren, fragte sie Jesus und sprach: Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sagten zu ihm: Davids. Er spricht zu ihnen: Wieso nennt ihn denn David im Geist »Herr«, indem er spricht: »Der Herr hat zu meinem Herrn gesagt: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße«? Wenn also David ihn Herr nennt, wie kann er dann sein Sohn sein? Und niemand konnte ihm ein Wort erwidern. Auch getraute sich von jenem Tag an niemand mehr, ihn zu fragen.

 

Mt 22, 35-46

 

 

Und wir haben die Liebe erkannt und geglaubt, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

 

1 Joh 4, 16

 

 

Predigt des Hl. Ambrosuius von Mailand:

 

 

Lasst uns jetzt das Geheimnis der Trinität (der Dreifaltigkeit) ins Auge fassen! Ein Gott ist, sagen wir. Doch den Vater bekennen wir und den Sohn bekennen wir. Denn ob auch geschrieben steht: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben und ihm, dem Alleinigen, dienen", versicherte doch der Sohn, er sei nicht allein, indem er bekannte: "Doch ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir." Auch im gegenwärtigen Augenblick ist er nicht allein, denn es beteuert der Vater, dass er da ist. Da ist auch der Heilige Geist; denn die Trinität lässt sich niemals voneinander trennen. Daher denn auch: "Es öffnete sich der Himmel, herabstieg der Heilige Geist in leiblicher Gestalt gleich einer Taube." Wie also können die Häretiker (Irrlehrer) behaupten, er sei allein im Himmel, nachdem er nicht allein auf Erden ist? Beachten wir genau das Geheimnis! Warum "gleich einer Taube"?

 

Reinheit fordert die Taufgnade: "rein sollen wir sein wie die Taube."

 

Friede fordert die Taufgnade: ihn brachte einstens im Alten Bunde die Taube im Sinnbild (des Ölzweiges) zurück zur Arche, die allein von der Sintflut verschont blieb.

 

Er, der sich würdigte jetzt in Gestalt der Taube herab zu steigen, lehrte mich, wessen Vorbild jene Taube war; er lehrte mich, dass jener Zweig, jene Arche ein Vorbild des Friedens und der Kirche darstellte, insofern selbst inmitten der die Welt heimsuchenden Sintflut (der Sünde) der Heilige Geist seiner Kirche die Segensfülle des Friedens entgegenbringt. Auch David lehrte es, der mit prophetischem Geist das Geheimnis der Taufe sah und ausrief: "Wer wird mir Flügel geben gleich der Taube?"

 

 

 

Hl. Ambrosius von Mailand

 

 

 

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Kommentare und Predigten zum Sonntag
15. Sonntag nach Pfingsten_ Vom höchsten
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Am Sonntag, den 10.09.2017 (23.09.2017 nach altem Kalender), feiern wir den 14. Sonntag nach Pfingsten.

 

 

 

 

 

 

14. Sonntag nach Pfingsten

 

 

 

 

Der Apostel:

 

 

Brüder, Gott aber, der uns zusammen mit euch in Christus fest gegründet und uns gesalbt hat, er hat uns auch versiegelt und das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben. Ich berufe mich aber auf Gott als Zeugen für meine Seele, daß ich, um euch zu schonen, noch nicht nach Korinth gekommen bin. Nicht daß wir Herren sein wollten über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude; denn ihr steht fest im Glauben. Ich habe mir aber vorgenommen, nicht wieder in Betrübnis zu euch zu kommen. Denn wenn ich euch betrübe, wer ist es dann, der mich erfreut, wenn nicht der, welcher von mir betrübt wird? Darum habe ich euch dies auch geschrieben, damit ich nicht, wenn ich komme, von denen Betrübnis habe, über die ich mich freuen sollte; da ich doch zu euch allen das Vertrauen habe, daß meine Freude euer aller Freude ist. Ich habe euch nämlich aus viel Bedrängnis und Herzensnot heraus geschrieben, unter vielen Tränen, nicht damit ihr betrübt werdet, sondern damit ihr die Liebe erkennt, die ich in besonderer Weise zu euch habe.

 

2 Kor 1, 21-2, 4

 

 

 

 

Das Evangelium:

 

 

In jener Zeit begann Jesus und redete wieder in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Reich der Himmel gleicht einem König, der für seinen Sohn das Hochzeitsfest veranstaltete. Und er sandte seine Knechte aus, um die Geladenen zur Hochzeit zu rufen; aber sie wollten nicht kommen. Da sandte er nochmals andere Knechte und sprach: Sagt den Geladenen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet; meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Sie aber achteten nicht darauf, sondern gingen hin, der eine auf seinen Acker, der andere zu seinem Gewerbe; die übrigen aber ergriffen seine Knechte, mißhandelten und töteten sie. Als der König das hörte, wurde er zornig, sandte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Geladenen waren nicht würdig. Darum geht hin an die Kreuzungen der Straßen und ladet zur Hochzeit ein, so viele ihr findet! Und jene Knechte gingen hinaus auf die Straßen und brachten alle zusammen, so viele sie fanden, Böse und Gute, und der Hochzeitssaal wurde voll von Gästen. Als aber der König hineinging, um sich die Gäste anzusehen, sah er dort einen Menschen, der kein hochzeitliches Gewand anhatte; und er sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu den Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, führt ihn weg und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Da wird das Heulen und Zähneknirschen sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt!

 

Mt 22, 1-14

 

 

 

Hl. Irinäus: Der freie Wille des Menschen lässt ihn Gottes Rettung annehmen oder nicht.

 

 

 

Wenn du ihm (Gott) aber nicht glaubst und seinen Händen entfliehst, so ist die Ursache der Unvollkommenheit in dir, der du nicht geglaubt hast aber nicht in dem der dich berufen hat. Denn „er sandte seine Boten aus, dich zur Hochzeit zu rufen“; die aber ihm nicht gehorchten, haben sich selbst vom königlichen Mahle ausgeschlossen. Also fehlt es nicht an der Rettungskunst Gottes, denn er vermag „aus Steinen Abraham Söhne zu erwecken“; vielmehr wird derjenige, welcher sie nicht annimmt, sich selbst zur Ursache seiner Unvollkommenheit. Wird doch auch das Licht nicht schwächer durch die welche sich selbst blenden; es bleibt wie es ist. Die, welche sich selbst blendeten, sitzen durch ihre eigene Schuld in der Finsternis. Und wie das Licht keinen mit Zwang unter seine Gewalt bringt, so zwingt auch Gott niemand, seine Rettungskunst anzunehmen, wenn er nicht will. Diejenigen, die sich selbst also von dem Licht des Vaters abwendeten und das Gesetz der Freiheit übertreten, fielen ab durch eigene Schuld da sie den freien Willen und die Selbstentscheidung erhalten hatten....

 

 

 

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KOMMENTARE UND PREDIGTEN ZUM SONNTAG
14. Sonntag nach Pfingsten_ Von der köni
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Am Montag, den 28. August (15. August nach altem Kalender), gedenkt die orthodoxe Kirche der Entschlafung der Gottesmutter

Das Entschlafen der Gottesmutter

 

 

 

 

Der Apostel des Festes

 

 

 

Brüder ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war,der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott auch über alle Maßen erhöht und ihm einen Namen verliehen, der über allen Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich alle Knie derer beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Phil 2, 5-11

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Evangelium des Festes

 

 

 

In jener Zeit begab sich aber, als sie weiterreisten, daß er in ein gewisses Dorf kam; und eine Frau namens Martha nahm ihn auf in ihr Haus. Und diese hatte eine Schwester, welche Maria hieß; die setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seinem Wort zu. Martha aber machte sich viel zu schaffen mit der Bedienung. Und sie trat herzu und sprach: Herr, kümmerst du dich nicht darum, daß mich meine Schwester allein dienen läßt? Sage ihr doch, daß sie mir hilft! Jesus aber antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha, du machst dir Sorge und Unruhe um vieles; eines aber ist notwendig. Maria aber hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden! Es geschah aber, als er dies redete, da erhob eine Frau aus der Volksmenge die Stimme und sprach zu ihm: Glückselig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast! Er aber sprach: Glückselig sind vielmehr die, die Gottes Wort hören und es bewahren!

 

Lk 10, 38-42; 11, 27-28

 

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KOMMENTARE UND PREDIGTEN ZUR ENSCHLAFUNG DER GOTTESMUTTER
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Am Sonntag, den 20.08.2017 (07.07.2017 nach altem Kalender), feiern  wir  den 11. Sonntag nach Pfingsten.

 

11. Sonntag nach Pfingsten: Vom Vergeben


Der Apostel des Sonntags


Brüder, wenn ich für andere kein Apostel bin, so bin ich es doch wenigstens für euch;
denn das Siegel meines Aposteldienstes seid ihr im Herrn. Dies ist meine Verteidigung
denen gegenüber, die mich zur Rede stellen: Sind wir nicht berechtigt, zu essen und zu
trinken? Sind wir nicht berechtigt, eine Schwester als Ehefrau mit uns zu führen, wie
auch die anderen Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas? Oder sind nur ich und
Barnabas nicht berechtigt, die Arbeit zu unterlassen? Wer zieht je auf eigene Kosten in
den Krieg? Wer pflanzt einen Weinberg und ißt nicht von dessen Frucht? Oder wer
weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Herde? Sage ich das nur aus
menschlicher Sicht? Oder sagt dies nicht auch das Gesetz? Ja, im Gesetz Moses steht
geschrieben: »Du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, wenn er drischt«.
Kümmert sich Gott etwa um die Ochsen? Oder sagt er das nicht vielmehr um
unsertwillen? Denn es ist ja um unsertwillen geschrieben worden: Der, welcher pflügt,
soll auf Hoffnung hin pflügen, und der, welcher drischt, soll auf Hoffnung hin
[dreschen], daß er an seiner Hoffnung [auch] Anteil bekommt. Wenn wir euch die
geistlichen Güter gesät haben, ist es etwas Großes, wenn wir von euch diejenigen für den
Leib ernten? Wenn andere an diesem Recht über euch Anteil haben, sollten wir es nicht
viel eher haben? Aber wir haben uns dieses Rechtes nicht bedient, sondern wir ertragen
alles, damit wir dem Evangelium von Christus kein Hindernis bereiten.

 

1 Kor 9, 2-12


Das Evangelium des Sonntags


Es sprach der Herr zu seinen Jüngern: „Darum gleicht das Reich der Himmel einem
König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde
einer vor ihn gebracht, der war 10 000 Talente schuldig. Weil er aber nicht bezahlen
konnte, befahl sein Herr, ihn und eine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu
verkaufen und so zu bezahlen. Da warf sich der Knecht nieder, huldigte ihm und sprach:
Herr, habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen! Da erbarmte sich der Herr über
diesen Knecht, gab ihn frei und erließ ihm die Schuld. Als aber dieser Knecht
hinausging, fand er einen Mitknecht, der war ihm 100 Denare schuldig; den ergriff er,
würgte ihn und sprach: Bezahle mir, was du schuldig bist! Da warf sich ihm sein
Mitknecht zu Füßen, bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles
bezahlen! Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er
bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war,
wurden sie sehr betrübt, kamen und berichteten ihrem Herrn den ganzen Vorfall. Da ließ
sein Herr ihn kommen und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich
dir erlassen, weil du mich batest; solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht
erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und voll Zorn übergab ihn sein Herr
den Folterknechten, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch
mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen
seine Verfehlungen vergebt.“

 

Mt 18, 23-35

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11. Sonntag nach Pfingsten_ Vom Vergebe
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Am Sonntag, den 13.08.2017 (31.07.2017 nach altem Kalender), feiern  wir  den 10. Sonntag nach Pfingsten.

10. Sonntag nach Pfingsten:

 

 

Vom Glauben und der Überwindung des Bösen

 

 

 

Der Apostel des Sonntags

 

 

Brüder, Es scheint mir nämlich, dass Gott uns Apostel als die Letzten hingestellt hat, gleichsam zum Tod bestimmt; denn wir sind der Welt ein Schauspiel geworden, sowohl Engeln als auch Menschen. Wir sind Narren um des Christus willen, ihr aber seid klug in Christus; wir schwach, ihr aber stark; ihr in Ehren, wir aber verachtet. Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße, werden geschlagen und haben keine Bleibe und arbeiten mühsam mit unseren eigenen Händen. Wenn wir geschmäht werden, segnen wir; wenn wir Verfolgung leiden, halten wir stand; wenn wir gelästert werden, spenden wir Trost; zum Kehricht der Welt sind wir geworden, zum Abschaum aller bis jetzt. Nicht zu eurer Beschämung schreibe ich das, sondern ich ermahne euch als meine geliebten Kinder. Denn wenn ihr auch zehntausend Lehrmeister hättet in Christus, so habt ihr doch nicht viele Väter; denn ich habe euch in Christus Jesus gezeugt durch das Evangelium. So ermahne ich euch nun: Werdet meine Nachahmer!

1 Kor 4, 9-16

 

 

 

 

 

Das Evangelium des Sonntags

 

 

In jener Zeit, als sie zur Volksmenge kamen, trat ein Mensch zu ihm, fiel vor ihm auf die Knie und sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn, denn er ist mondsüchtig und leidet schwer; er fällt nämlich oft ins Feuer und oft ins Wasser! Und ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht, aber sie konnten ihn nicht heilen. Da antwortete Jesus und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und Jesus befahl dem Dämon, und er fuhr von ihm aus, und der Knabe war gesund von jener Stunde an. Da traten die Jünger allein zu Jesus und sprachen: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Unglaubens willen! Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, so würdet ihr zu diesem Berg sprechen: Hebe dich weg von hier dorthin! und er würde sich hinweg heben; und nichts würde euch unmöglich sein. Aber diese Art fährt nicht aus außer durch Gebet und Fasten. Als sie nun ihren Weg durch Galiläa nahmen, sprach Jesus zu ihnen: Der Sohn des Menschen wird in die Hände der Menschen ausgeliefert werden, und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferweckt werden. Und sie wurden sehr betrübt.

Mt 17, 14-23

 

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10. Sonntag nach Pfingsten_ Vom Glauben
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Altarfest 2017

 

 

 

Am Sonntag, den 06.08.2017 (24.07.2017 nach altem Kalender), feiern wir das Fest des Heiligen Propheten Elias.

 

Außerdem feiern wir noch den 9. Sonntag nach Pfingsten.

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9. Sonntag nach Pfingsten:

 

 

Jesus Christus wandelt auf dem See

 

 

 

 

 

Der Apostel des Sonntags:

 

 

Brüder, Gottes Mitarbeiter sind wir; Gottes Ackerfeld, Gottes Bau seid ihr. Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stroh baut, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird es klarmachen, weil er in Feuer offenbart wird. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, das wird das Feuer erweisen. Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen; wenn jemandes Werk verbrennen wird, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.

1 Kor 3, 9-17

 

 

 

 

Das Evangelium des Sonntags:

 

 

In jener Zeit nötigte er die Jünger, in das Boot zu steigen und ihm an das jenseitige Ufer vorauszufahren, bis er die Volksmengen entlassen habe. Und als er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er für sich allein auf den Berg, um zu beten. Als es aber Abend geworden, war er dort allein. Das Boot aber war schon mitten auf dem See und litt Not von den Wellen, denn der Wind war ihnen entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam er zu ihnen, indem er auf dem See einherging. Und als die Jünger ihn auf dem See einhergehen sahen, wurden sie bestürzt und sprachen: Es ist ein Gespenst! Und sie schrien vor Furcht. Sogleich aber redete Jesus zu ihnen und sprach: Seid guten Mutes! Ich bin es. Fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen! Er aber sprach: Komm! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, fürchtete er sich; und als er anfing zu sinken, schrie er und sprach: Herr, rette mich! Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und spricht zu ihm: Kleingläubiger, warum zweifeltest du? Und als sie in das Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die aber in dem Boot waren, warfen sich vor ihm nieder und sprachen: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!Und als sie hinübergefahren waren, kamen sie an Land in Genezareth.

Mt 14, 22-34

 

 

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Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.

 

Hebr 11, 1

 

 

 

Der Hl. Johannes Chrysostomus kommentiert den Apostel des Herrentages:

 

 

1 Kor 3, 9-17

 

 

1 Kor 3, 9: Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, seid Gottes Gebäude.

 

 

Siehst du, wie er auch ihnen keinen geringen Antheil zuweist, da er vorher bewiesen, daß Alles Gott zukomme? Denn weil er stets zum Gehorsam gegen die Vorgesetzten ermahnt, so will er auch die Lehrer nicht tief herabsetzen. „Ihr seid Gottes Acker.“ Weil er nämlich gesagt hatte: „Ich habe gepflanzt,“ so behält er die bildliche Redensart bei. Seid ihr aber Gottes Acker, so dürft ihr euch nicht nach Denjenigen, die den Acker bebauen, sondern nach Gott benennen; denn der Acker trägt ja nicht den Namen des Bebauers, sondern den des Hausvaters. „Ihr seid Gottes Gebäude.“ Wiederum führt das Gebäude nicht den Namen des Baumeisters, sondern des Eigenthümers; seid ihr aber ein Gebäude, so dürft ihr nicht getrennt sein; denn das wäre kein Bau mehr. Seid ihr ein Acker, so dürft ihr nicht zertheilt, sondern müßt durch eine Mauer der Eintracht umfriedet sein.

 

 

 

10. Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als weiser Baumeister den Grund gelegt.

 

 

 

Er nennt sich hier weise, nicht um sich zu erheben, sondern um sich ihnen als Muster hinzustellen und zu zeigen, daß es ein Zeichen von Weisheit sei, einen Grund zu legen. Siehe, wie er Maß hält. Er nennt sich weise, aber er schreibt sich Dieß nicht selber zu, sondern nachdem er sich erst ganz seinem Gott übergeben, nennt er sich so; denn er sagt: „Nach der Gnade Gottes die mir gegeben ist.“ Er zeigt nämlich zugleich, daß sowohl Alles Gottes Werk sei, als auch, daß die Gnade besonders darin bestehe, nicht getrennt, sondern auf einen Grund gebaut zu sein. „Ein Anderer baut darauf; aber Jeder sehe wohl zu, wie er darauf baue!“ Hier scheint er die Gläubigen, nachdem er sie vereinigt und zu einem Körper verbunden hat, zum Wetteifer in gutem Wandel anzufeuern.

 

 

 

11. Denn einen andern Grund kann Niemand legen, als der gelegt ist, und dieser ist Jesus Christus.

 

 

 

Niemand kann Dieses, solange er Baumeister ist; wurde aber ein anderer gelegt, so ist er kein Baumeister mehr.1

 

 

 

Siehst du, wie er den ganzen Gegenstand aus allgemeinen Begriffen bekräftigt? Er will damit sagen: Ich habe euch Christum verkündet, habe euch das Fundament gelegt: sehet nun zu, wie ihr darauf fortbauet, ob aus eitler Ruhmsucht, ob aus Begierde, euch Anhänger vor den Menschen zu gewinnen. Schließen wir uns also keiner Sekte an: „Denn einen andern Grund kann Niemand legen, als der gelegt ist.“ — Auf diesem Fundamente nun laßt uns fortbauen, an diesem uns festhalten, wie der Rebzweig am Weinstocke; Nichts soll uns von Christo trennen; denn sobald etwas Trennendes dazwischen kommt, sind wir bald verloren. Der Rebzweig saugt die Nahrung dadurch ein, daß er (am Weinstocke) haftet, und das Gebäude steht fest durch die Verbindung mit dem Fundamente; ohne dieses stürzt es zusammen, weil es keine Stütze mehr hat. Laßt uns also nicht nur Christo anhangen, sondern die innigste Vereinigung mit ihm anstreben; Κολληθῶμεν αὐτῷ — conglutinemur ipsi. denn sind wir von ihm getrennt, so sind wir verloren: „Die sich von dir entfernen, gehen zu Grunde,“ heißt es.2 Darum wollen wir uns mit ihm innig vereinen, und zwar durch die Werke; denn „wer meine Gebote hält, der bleibt in mir,“ spricht er.3 Durch vielerlei Beispiele stellt er uns diese Vereinigung vor Augen. Gib einmal Acht: Er ist das Haupt, wir aber sind der Leib; kann es aber zwischen dem Haupte und dem Körper einen leeren Raum geben? Er ist das Fundament, wir sind das Gebäude; er ist der Weinstock, wir sind die Rebzweige; er ist der Bräutigam, wir sind die Braut; er ist der Hirt, wir sind die Schafe; er ist der Weg, wir sind die Wanderer; wir sind der Tempel, und er ist es, der darin wohnt; er ist der Erstgeborene, und wir sind seine Brüder; er ist der Erbe, und wir sind die Miterben; er ist das Leben, und wir sind die Lebenden; er ist die Auferstehung, und wir sind die Auferstehenden; er ist das Licht, und wir sind die Erleuchteten. Dieß alles deutet auf Einheit hin und duldet auch nicht die mindeste Trennung; denn wer sich auch nur ein wenig trennt, der wird sich selbst wenn er vorwärts schreitet, bald sehr weit entfernen. Wird der Leib durch das Schwert nur ein wenig vom Haupte getrennt, so geht er zu Grunde; zeigt das Gebäude nur eine kleine Spalte, so stürzt es zusammen; und der Rebzweig, nur ein wenig vom Stocke getrennt, bringt, keine Frucht mehr. Also ist dieses Wenige nicht wenig, sondern es ist daran fast Alles gelegen. Haben wir uns also eines geringen Fehlers, einer kleinen Nachlässigkeit schuldig gemacht, so wollen wir Das nicht als eine Geringfügigkeit übersehen; denn schnell wird das Unbeachtete groß. So wird der kleine Riß im Kleide, wenn man nicht darauf achtet, sich bald über das ganze Kleid ausdehnen, und das Dach, von dem nur einige Ziegel herabfielen, die man nicht beachtete, wird das ganze Haus verderben. Das wollen wir also bedenken und die kleinen Fehler nie gering achten, damit wir nicht in große verfallen. Sollten wir sie aber vernachlässigt haben und in den Abgrund der Übel gerathen sein, so wollen wir doch den Muth nicht verlieren, damit wir nicht in Betäubung versinken. Denn es ist dann, wenn man nicht sehr auf der Hut ist, gar schwer, wieder herauszukommen, nicht nur wegen der Tiefe, sondern auch wegen der Lage selbst. Die Sünde ist ein Abgrund und drängt (den Menschen) häuptlings hinab; und gleichwie, wer in einen Brunnen gefallen, nicht leicht mehr herauskommt, sondern Anderer bedarf, die ihn herausziehen, so auch Derjenige, welcher in die Tiefe des Lasters versunken ist. Denjenigen also, die so gesunken sind, wollen wir Stricke zuwerfen und sie herausziehen; allein nicht bloß Andere bedürfen derselben, sondern auch wir, um uns daran fest zu halten und heraufzusteigen, nicht nur soweit, als wir hinabgesunken sind, sondern weit höher, wenn wir nur wollen; denn Gott steht uns bei: „Denn er will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre.“4 Niemand verzweifle also. Niemand verfalle in die Krankheit der Gottlosen, deren Sünde die Verzweiflung ist: „Denn der Gottlose achtet Nichts mehr, wenn er in die Tiefe des Lasters geräth.“5 Nicht die Menge der Sünden verursacht die Verzweiflung, sondern des Gottlosen Gesinnung. Wenn du also auch jegliches Laster verübt hättest, so sprich bei dir selber: Gott ist barmherzig und verlangt nach unserem Heile: „Wenn euere Sünden roth sind, wie Scharlach,“ spricht er, „so will ich sie weiß machen wie Schnee“ und ihnen eine ganz andere Gestalt geben. Wir wollen daher nicht muthlos werden; denn fallen ist nicht so schlimm, als nach dem Falle liegen bleiben; verwundet sein ist nicht so arg, als nach der Verwundung kein Heilmittel annehmen wollen. „Wer darf sich wohl rühmen, daß er ein reines Herz habe? Oder wer darf sagen, daß er frei von Sünde sei?“6 Das sage ich nicht, daß ihr lässiger werden sollt, sondern um euch vor der Verzweiflung zu bewahren.

 

 

 

Willst du wissen, wie gut unser Herr ist? Der Zöllner ging (zum Tempel) hinauf, belastet mit zahllosen Sünden; er sprach nur; „Sei mir gnädig!“7 und ging gerechtfertigt! von dannen. Auch durch den Propheten spricht Gott: „Wegen der Sünde bestrafte ich mein Volk auf kurze Zeit: und ich sah, daß es betrübt war und traurig einher ging, und ich heilte seine Wege.“8 Was gleicht wohl dieser Güte? Bloß darum, daß es traurig war, spricht er, vergab ich ihm die Sünden. Doch wir thun nicht einmal so viel, dadurch reizen wir aber Gott ganz besonders. Denn da er sich schon wegen einer kleinen Traurigkeit gnädig erwies, so zürnet er, wenn er nicht einmal diese findet, mit Recht und verhängt über uns die härtesten Strafen; denn das ist doch ein Zeichen der größten Verachtung. Wer hat sich je der Sünde wegen betrübt? wer hat darüber geseufzt ? Wer hat an die Brust geschlagen? wer sich darum bekümmert? Ich glaube, Niemand; aber lange Zeit trauern die Menschen um verstorbene Sklaven, um den Verlust ihrer Habe; an die Seele hingegen denken wir nicht, wenn wir sie auch tagtäglich morden. Wie wirst du nun Gott zu versöhnen vermögen, wenn du nicht einmal einsiehst, daß du gesündiget hast? „Ja freilich“, sagst du, „hab’ ich gesündigt.“ Nun, mit der Zunge sagst du Das wohl; sage mir’s auch mit dem Herzen und mit seufzendem Munde, damit du beständig froh werdest. Würden wir über die Sünden trauern und über die Fehltritte seufzen, so würde uns nichts Anderes betrüben, weil dieser Schmerz jede andere Trauer verscheucht. Dieses Bekenntniß9 würde uns auch noch einen andern Vortheil gewähren: die Trübsale dieses Lebens würden uns nicht muthlos, das Glück uns nicht hochmüthig machen, und dadurch würden wir uns Gott mehr versöhnen, sowie wir ihn jetzt durch unser Benehmen immer mehr zum Zorne reizen. Denn sage mir, wenn du einen Knecht hättest, der von seinen Mitknechten Vieles leiden müßte, aber darauf nicht achtete, sondern einzig darauf bedacht wäre, seinen Gebieter nicht zu erzürnen: wäre nicht Das allein schon genügend, deinen Zorn zu besänftigen? Wie aber, wenn sich derselbe um die Fehltritte gegen dich gar nicht bekümmerte, wohl aber sich hütete, die Mitknechte zu beleidigen: würdest du ihn darum nicht härter bestrafen? So macht es auch Gott: wenn wir seine Strafe nicht achten, so verschärft er dieselbe; achten wir aber darauf, so mildert er sie, ja hebt sie wohl ganz auf; denn er will, daß wir selber an uns die Sünde bestrafen, und er bestraft sie dann nicht mehr. Darum droht er auch mit der Strafe, um durch die Furcht der Geringschätzung vorzubeugen. Woferne wir durch die bloße Drohung in Furcht gerathen, so läßt er uns das Angedrohte nicht wirklich erfahren. Betrachte, was er zu Jeremias spricht: „Siehst du nicht, was sie thun? Die Väter zünden Feuer an, und die Kinder sammeln Holz; ihre Weiber kneten Teig.“10 Es ist zu befürchten, es möchte auch von uns etwas Ähnliches gesagt werden. Siehst du nicht, was die Menschen thun? „Alle suchen das Ihrige, Keiner die Sache Christi.“11 Ihre Söhne laufen der Wollust nach, ihre Väter dem Geiz und der Habsucht; ihre Weiber jagen den eitlen Trugbildern dieses Lebens nach, und statt die Männer davon abzuhalten, feuern sie dieselben nur noch mehr dazu an. Stelle dich einmal auf den Markt, frage die auf und ab Gehenden, und du wirst Keinen finden, der irgend einem geistigen Geschäfte nachstrebt; Alle laufen nach zeitlichen Dingen. Wann werden wir endlich zur Vernunft kommen? wie lange uns noch dem tiefen Schlafe hingeben? Sind wir der Übel noch nicht satt? Und dennoch genügt schon, ohne alle Worte, die bloße Erfahrung, uns über die Nichtigkeit der gegenwärthigen Dinge zu belehren und zu zeigen, wie schlimm Alles ist. Heidnische Philosophen, die von den zukünftigen Dingen Nichts wußten, haben sich von den gegenwärtigen schon darum losgesagt, weil sie ihre wirkliche Nichtigkeit einsahen. Welche Vergebung wirst denn du erlangen, wenn du auf der Erde kriechst und das Niedrige und Vergängliche nicht verschmähest gegenüber dem Hohen und Ewigen, da du doch hörst, daß Gott selbst dir dieses zeigt und offenbaret, und da du von ihm eine solche Verheissung hast? Daß aber diese Güter den Menschen nicht befriedigen, beweisen Diejenigen, welche, ohne Verheissung der höhern, dieselben verlassen haben; denn welchen Reichthum erwarteten sie wohl, indem sie die Armuth erwählten? Sie erwarteten keinen Reichthum, sondern thaten es bloß darum, weil sie wußten, daß eine solche Armuth vor dem Reichthum den Vorzug verdiene. Was für ein Lebensglück hofften sie, als sie den Weltfreuden entsagten und sich einer strengen Lebensweise hingaben? Keines; sie thaten es, weil sie die Natur der Dinge erkannten und wußten, daß Dieses sowohl zur Bildung der Seele als für die Gesundheit des Leibes ersprießlicher sei.

 

 

 

Das wollen nun auch wir erwägen und die zukünftigen Güter stets vor Augen habend uns von den gegenwärtigen losreissen, damit wir jene erlangen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, dem zugleich mit dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

 

Verse 12. 13. 14. 15. Wenn nun Jemand auf diesen Grund fortbauet, Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stoppeln, so wird eines Jeden Werk offenbar werden; denn der Tag (des Herrn) wird es zeigen; die Feuerprobe wird entscheiden, wie eines Jeden Werk beschaffen ist. Hat das Werk, das Jemand darauf gebaut hat, Bestand, so wird er Lohn erhalten; geht aber Jemandens Werk in Feuer auf, so wird er Schaden leiden; er selbst wird wohl gerettet werden, doch nur wie durch das Feuer.

 

 

 

Nicht unbedeutend für uns ist der vorliegende Gegenstand; er gehört vielmehr unter die allerwichtigsten Fragen, die alle Menschen stellen: ob das Feuer der Hölle ein Ende nehme. Daß es kein Ende nimmt, hat Christus ausgesprochen mit den Worten: „Ihr Feuer wird nicht erlöschen, und ihr Wurm nicht sterben.“12 Ich weiß zwar, daß euch diese Worte erschrecken; aber was soll ich thun? Denn Gott befiehlt, Dieß ohne Unterlaß zu predigen, indem er spricht: „Verkünde diesem Volke!“ Wir aber sind als Diener des Wortes aufgestellt und müssen nothwendiger Weise, wiewohl ungerne, den Zuhörern lästig fallen. Jedoch wenn ihr wollt, so werden wir euch nicht lästig sein; „denn,“ heißt es, „thust du, was recht ist, so fürchte nicht!“13 Ihr könnt uns also nicht nur ohne Abneigung, sondern auch mit Vergnügen anhören.

 

 

 

Daß jenes Feuer kein Ende nehme, hat Christus selbst ausgesprochen, sowie auch Paulus zeigt, daß die Strafe ewig sei, indem er sagt, daß die Sünder „Strafe und ewiges Elend erleiden werden“;14 und wieder: „Täuschet euch nicht! Weder Hurer noch Ehebrecher noch Weichlinge werden das Himmelreich besitzen.“15 Und zu den Hebräern spricht er: „Strebet nach Frieden mit Allen und nach der Heiligkeit, ohne welche Niemand den Herrn sehen wird.“16 Auch Christus spricht zu Denjenigen, welche da sagten: „In deinem Namen haben wir viele Wunder gewirkt:“ „Weg von mir, ihr Übelthäter, ich kenne euch nicht.“17 So wurden auch die Jungfrauen ausgeschlossen und nicht eingelassen; und von Denjenigen, die ihn nicht gespeist, sagt der Herr: „Sie werden der ewigen Strafe verfallen.“18 Sage mir nicht: Wie wird denn aber auf die Gerechtigkeit Rücksicht genommen, wenn die Strafe kein Ende nimmt? Denn wenn Gott Etwas thut, so gehorche seinem Ausspruch und unterwirf die Worte nicht menschlichen Spitzfindigkeiten. Wie sollte es übrigens ungerecht sein, wenn Derjenige, welcher Anfangs zahllose Wohlthaten empfing dann aber strafwürdig handelt und sich weder durch Drohungen noch Wohlthaten bessern läßt, der Strafe verfällt? Wenn du nach dem Rechte fragst, so hätten wir nach Recht und Billigkeit gleich Anfangs zu Grunde gehen müssen; ja es wäre auch damals nicht bloß recht und billig gewesen, wenn uns Das begegnet wäre: es wäre sogar ein Zeichen der Liebe gewesen; denn wenn Jemand einen Andern beschimpft, der ihm Nichts zu Leide gethan, so ist es ganz recht, daß er bestraft werde. Wenn aber Jemand den Wohlthäter, dem er nie etwas Gutes gethan, der aber ihm unzählige Gutthaten erwiesen, und welcher der einzige Grund seines Daseins und Gott ist, der ihm das Leben gegeben und die Seele eingehaucht und tausend Gnaden erzeigt hat und ihn in den Himmel aufnehmen will, — wenn Jemand diesen nach so großen Wohlthaten nicht nur beschimpfte, sondern ihn auch Tag für Tag durch seine Werke verhöhnte: welcher Verzeihung wär’ er wohl würdig? Siehst du nicht, wie Gott den Adam wegen einer einzigen Sünde bestraft hat? „Ja“, sagst du, „Diesem hatte er das Paradies gegeben und große Liebe erwiesen.“ Und dennoch ist es nicht gleich, im Glücke zu sündigen oder dieses mitten in großem Unglück zu thun. Darin liegt das Schlimme, daß du nicht im Paradiese sündigest, sondern umgeben von tausendfachen Drangsalen des gegenwärtigen Lebens, und daß du dich durch dieses Unglück dennoch nicht besserst, gerade so, als ob ein Gefesselter noch Missethaten verübte. Dir aber hat Gott Größeres versprochen als das Paradies, aber es dir noch nicht gegeben, auf daß du in der Zeit des Kampfes nicht sorglos werdest; doch hat er es dir auch nicht verborgen, damit du den Mühsalen nicht erliegest. Adam hat nur eine Sünde begangen und dadurch den Tod über Alle gebracht; wir aber begehen täglich zahllose Sünden. Wenn nun Jener durch eine einzige Sünde sich ein so großes Übel zugezogen und den Tod (in die Welt) gebracht hat: was werden wir nicht zu leiden haben, die wir beständig in Sünden leben und statt des Paradieses den Himmel erwarten? Diese Rede ist hart und betrübt die Zuhörer; Das weiß ich aus Dem, was ich selber fühle; denn mein Herz ist unruhig und bebt; und je mehr ich ein-<s 149>sehe, daß die Lehre von der Hölle gegründet ist, desto mehr ergreift mich Furcht und Zittern. Allein es ist nothwendig, Dieses zu sagen, damit wir nicht in die Hölle kommen. Du erhältst nicht das Paradies, nicht Bäume, nicht Pflanzen, sondern den Himmel und himmlische Güter. Wenn nun Derjenige, welcher weniger empfangen hat, ohne Schonung verurtheilt wurde, um so mehr werden wir, die wir mehr gesündiget haben und zu höhern Gütern berufen sind, die härteste Strafe erdulden. Bedenke nun, wie lange unser Geschlecht wegen einer Sünde dem Tode unterworfen ist. Mehr als fünftausend Jahre sind verflossen, und der Tod hat noch nicht aufgehört wegen der einen Sünde. Auch können wir nicht sagen, daß Adam die Propheten gehört, daß er Andere vor sich gehabt, die wegen ihrer Sünden gestraft worden, und daß er dadurch abgeschreckt und durch dieses Beispiel hätte klüger werden sollen: er war damals der Erste und allein, und dennoch wurde er gestraft; du aber kannst nichts Ähnliches vorschützen, da du nach so vielen Beispielen schlimmer geworden, da du, eines solchen Geistes gewürdigt, nicht nur einer, zweier oder dreier, sondern unzähliger Sünden dich schuldig gemacht hast.

 

 

 

Darauf darfst du nicht sehen, daß die Sünden in ganz kurzer Zeit begangen werden, und darfst nicht wähnen, es werde darum auch die Strafe nur kurze Zeit dauern. Siehst du nicht, daß oft Menschen wegen eines Diebstahls, eines Ehebruches, wegen eines kurzen Frevels — ihr ganzes Leben in Gefängnissen und in Bergwerken — stets mit Hunger und tausendfachem Tode kämpfend — zubringen müssen? Und Niemand befreit sie, Niemand sagt, das Verbrechen sei nur augenblicklich gewesen, und deßwegen dürfe die Strafe auch nur so lange dauern als der Frevel.

 

 

 

Ja, sagst du, so geht es bei den Menschen; aber Gott ist ja barmherzig. Nun, nicht einmal die Menschen strafen so aus Grausamkeit, sondern aus Liebe; und auch Gott, obgleich er barmherzig ist; denn groß wie seine Barmherzigkeit ist auch seine Gerechtigkeit. Sagst du also, daß gütig sei, so sprichst du eben dadurch einen triftigern Grund zu unserer Bestrafung aus, weil wir uns gegen einen solchen Herrn versündigen. Darum spricht auch Paulus: „Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“19

 

 

 

Ertraget doch, ich bitte euch, das Feuer meiner Worte; denn ich hoffe, daß ihr daraus einigen Trost schöpfen werdet. Welcher Mensch kann so strafen wie Gott gestraft hat? Er ließ die Fluth hereinbrechen und raffte das ganze Menschengeschlecht dahin; und bald darauf ließ er wieder Feuer vom Himmel regnen und vertilgte Alle durchs Feuer. Welche menschliche Strafe gleicht dieser? Und siehst du nicht, daß sie, so zu sagen, ewig währt? Viertausend Jahre sind vorüber, und die Strafe der Sodomiten dauert immer noch fort. Denn gleichwie seine Barmherzigkeit groß ist, so ist es auch seine Strafgerechtigkeit. Hätte er Beschwerliches und Unmögliches geboten, so könnte wohl Mancher die Härte der Gesetze vorschützen; da nun aber seine Gebote leicht sind, wie können wir uns verantworten, wenn wir auch so nicht darauf achten? Du kannst nicht fasten, nicht jungfräulich leben? Und doch kannst du es, wenn du nur willst, und Diejenigen, welche es konnten, strafen uns Lügen. Und doch war Gott gegen uns nicht so streng: er hat Dieses nicht befohlen und nicht zum Gesetze gemacht, sondern es der freien Wahl eines Jeden anheim gestellt; aber im Ehestande keusch leben kannst du, und vor der Trunksucht dich hüten. Das kannst du. Dein ganzes Vermögen kannst du nicht weggeben? Und doch kannst du es, wie Diejenigen beweisen, die es gethan haben. Allein Gott hat Das nicht geboten, sondern nur befohlen, nicht zu rauben und mit den Gütern den Armen zu helfen. Wenn aber Jemand sagt: ich kann mich mit einer Frau nicht begnügen, so irrt er und täuscht sich selber, und es beschämen ihn Diejenigen, welche ohne Weib ein keusches Leben führen. Wie? sage nur, kannst du dich des Fluchens und des Lästerns nicht enthalten? Und doch ist es beschwerlicher, solche Sünden zu begehen, als sich ihrer zu enthalten. Wie unverzeihlich ist es nun, wenn wir nicht einmal Das befolgen, was so leicht und bequem ist?

 

 

 

Aus all dem Gesagten geht nun klar hervor, daß die Strafe ewig ist. Weil aber Einige glauben, die Worte Pauli seien dieser Behauptung entgegen, wohlan, so laßt uns dieselben zur Untersuchung vornehmen. Nach den Worten: „Wenn Jemandens Werk, das er darauf gebaut hat, besteht, so wird er Lohn empfangen geht aber Jemandens Werk in Feuer auf, so wird er Schaden leiden“ — fährt er fort: „er selbst wird gerettet werden, jedoch so, wie durch Feuer.“ Was sollen wir nun dazu sagen? Erwägen wir vorerst, was dieser Grund sei, was das Gold, was die kostbaren Steine, was das Heu, was die Stoppeln. Daß Christus der Grund sei, hat er deutlich zu erkennen gegeben mit den Worten: „Denn einen andern Grund kann Niemand legen, als der gelegt ist, und dieser ist Jesus Christus.“ Das Gebäude sind, nach meiner Meinung, unsere Handlungen: obgleich Einige behaupten, Dieses sei in Bezug auf die Lehrer und Schüler und die heillosen Ketzereien gesagt. Jedoch diese Auffassung duldet der Zusammenhang nicht. Wenn nämlich Das der Sinn ist, wie geht das Werk zu Grunde, und wie wird der Bauende gerettet, obschon nur wie durch Feuer? Da sollte doch eher der Urheber (des Gebäudes) zu Grunde gehen; hier aber wird das Gebäude (der Schüler) härter bestraft. War der Lehrer Urheber des Bösen, so verdient er größere Strafe. Wie wird er nun gerettet werden? War er aber nicht der Urheber, sondern waren es die Schüler durch eigne Verkehrtheit, so verdient er durchaus keine Strafe; ja er darf nicht einmal seinen Lohn verlieren, da er gut gebaut hat. Wie sagt er also: „Der wird Schaden leiden“? Daraus erhellet, daß von Werken die Rede ist. Weil er nämlich die Absicht hat, den Blutschänder zu bestrafen, so schickt er sich jetzt schon weit ausholend dazu an. Denn er versieht es da, wo er über einen Gegenstand redet, sich schon im Verlaufe der Rede den Weg zu einem andern zu bahnen, zu dem er übergehen will. So bildet er durch die Rüge, daß sie bei ihren Mahlzeiten einander nicht erwarteten, den Übergang zur Rede über die Geheimnisse. Da es ihn nun drängt, gegen jenen Unzüchtigen zu sprechen, so fährt er nach seiner Rede über das Fundament (des Gebäudes) also fort:

 

 

 

16. 17. Wisset ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn aber Jemand den Tempel Gottes entheiligt, den wird Gott zu Grunde richten.

 

 

 

Dieses sagt er, um jetzt schon das Herz des Unzüchtigen durch Furcht zu erschüttern. „Wenn nun Jemand auf diesen Grund fortbaut, ob Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stoppeln;“ denn nach dem Glauben muß das Aufbauen folgen. Darum sagt er auch anderswo: „Erbauet euch unter einander durch diese Worte!“20 Beim Baue wirken ja Baumeister und Schüler zusammen; darum sagt er: „Jeder sehe zu, wie er fortbaue!“

 

 

 

Wenn aber Das vom Glauben gesagt sein soll, so ist Das unvernünftig; denn im Glauben müssen Alle gleich sein, weil es nur einen Glauben gibt; an Tugend aber können nicht Alle gleich sein; denn der Glaube ist nicht hier schlechter, dort besser, sondern bei Allen, die wahrhaft glauben, derselbe; im Leben aber können Einige eifriger, Andere träger, Einige vollkommener, Andere weniger vollkommen sein; Einige können größere, Andere geringere Tugenden üben; Einige können größere Fehler an sich haben. Andere kleinere. Darum spricht er von Gold, Silber, kostbaren Steinen, Holz, Heu, Stoppeln. — „Eines Jeden Werk wird offenbar werden.“ Hier redet er von den Werken: „Wenn Jemandens Werk, das er darauf gebaut hat, besteht, so wird er Lohn erhalten; geht aber Jemandens Werk in Feuer auf, so wird er Schaden leiden.“ Wenn nun aber von den Lehrern und Schülern die Rede wäre, so dürften Jene ihren Lohn nicht verlieren, woferne die Schüler nicht hören wollten. Darum spricht er: „Jeder wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit,“ — nicht nach dem Erfolge, sondern nach der Arbeit. Denn wie wäre es, wenn die Zuhörer nicht aufmerkten? Es ist also auch daraus einleuchtend, daß das Gesagte von den Werken gilt. Er will aber damit sagen: Wenn Jemand bei dem rechten Glauben ein schlecktes Leben führt, so wird ihm der Glaube Nichts nützen, er wird gestraft werden, da sein Werk in Feuer aufgeht, d. h. die Gewalt des Feuers nicht aushält. Wie, wenn Jemand mit goldenen Waffen gerüstet durch einen Feuerstrom schritte, er glänzender daraus hervorgehen würde, hingegen, wenn er mit Heu bedeckt Dieses versuchte, dadurch nicht nur nicht gerettet würde, sondern auch selbst zu Grunde ginge: so ist es auch mit den Werken. Er spricht hier nicht von den Feststehenden und Gerechten,21 sondern er will vielmehr dem Sünder Furcht einflößen und zeigen, daß er ohne Schutz sein werde; darum sagt er: „Er wird Schaden leiden.“ Siehe da eine Strafe! „Er selbst wird wohl noch gerettet werden, doch nur wie durch Feuer.“ Siehe da, die zweite! Er will damit sagen: Er wird nicht selbst zerstört und vernichtet werden, wie seine Werke, sondern im Feuer fortdauern. Er nennt also das eine Rettung, sagst du! Nicht so ganz einfach; darum setzt er hinzu: „Doch nur wie durch Feuer.“ <s 154> Denn auch wir pflegen ja von dem Holze, welches nicht sogleich verzehrt und in Asche verwandelt wird, zu sagen: es bleibt im Feuer unversehrt. Wenn du nun vom Feuer hörst, so glaube ja nicht, daß die darin Brennenden vernichtet werden. Und wenn der Apostel diese Strafe eine Rettung nennt, so wundere dich nicht; denn er pflegt Das, was von übler Bedeutung ist, mit schönen Namen zu bezeichnen, und so auch umgekehrt. So scheint zum Beispiel der Ausdruck Gefangenschaft etwas Schlimmes zu bedeuten; aber Paulus bedient sich desselben, um etwas Gutes zu bezeichnen, da er spricht: „Gefangen nehmend jeden Verstand zum Gehorsam gegen Christus.“22 Und wiederum bezeichnet er eine schlimme Sache mit einem guten Ausdruck, wenn er sagt: „Die Sünde herrschte;“23 und doch bedeutet das Wort herrschen etwas Gutes. So drückt er auch hier durch das: „er wird gerettet werden“ nichts Anderes aus als die Steigerung der Strafe, wie wenn er sagte: „Er wird beständig der Strafe unterliegen.“

 

 

 

Nun geht er weiter und spricht: „Wisset ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid?“ Vorher hatte er gegen Diejenigen gesprochen, welche in der Kirche Spaltung verursachten; nun greift er auch den Unzüchtigen an, zwar nicht offen, sondern im Allgemeinen, indem er auf dessen sündhaftes Leben leise hindeutet und die Größe der Sünde aus der ihm zu Theil gewordenen Gnade beweist. Dann aber beschämt er auch die Andern durch Erwähnung eben jener empfangenen Gnaden. So benutzt er immer das Zukünftige wie das Vergangene, das Böse wie das Gute; das Zukünftige: „der Tag (des Herrn) wird es klar machen, weil er im Feuer wird offenbar werden;“ das Vergangene: „Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnet?“

 

 

 

17. Wenn Jemand den Tempel Gottes entheiligt, Den wird Gott verderben.

 

 

 

Siehst du da die Heftigkeit der Rede? Jedoch ist das Gesagte nicht so hart, da noch keine bestimmte Person bezeichnet wird, und dadurch Alle in Furcht gerathen. „Den wird der Herr verderben“ — ist nicht Fluch, sondern Vorhersagung; „denn der Tempel Gottes ist heilig,“ der Unzüchtige aber ist ein Unheiliger. Damit nun die Rede nicht ihn allein zu treffen scheine, setzt er den Worten: „Der Tempel Gottes ist heilig,“ noch bei: „und der seid ihr.“

 

 

 

Hl. Johannes Chrysostomus / Text aus der elektronischen BKV

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Hl. Johannes Chrysostomus kommentiert das Evagelium des Herrentages:

 

 

 

Mt 14, 22-34

 

 

 

V.22: "Da nötigte er alsbald die Jünger, in das Schiff zu steigen und ihn an das andere Ufer zu führen, bevor er die Volksscharen entließ."

 

 

 

Denn wenn auch einer, solange er anwesend war, auf den Gedankenm kommen konnte, es sei nur Einbildung und nicht Wirklichkeit, was er getan, so war dies doch unmöglich, nachdem er fortgegangen war. Darum überläßt er das Geschehene einer genauen Prüfung und gibt Befehl, daß diejenigen von ihm entfernt werden, die die Grundlage und den Beweis für seine Wunderzeichen in Händen hatten. Auch bei anderen Gelegenheiten, wo er etwas Großes tut, entfernt er sich vom Volk und den Jüngern, um uns zu zeigen, nirgends den Ruhm der Öffentlichkeit zu suchen, und nicht die Menge an uns zu ziehen. Wenn aber der Evangelist sagt: "Er nötigte", so bekundet er damit nur die große Hingebung der Jü+nger24 . Auch schiocklte er die Jünger fort wegen des Volkes; er selbst aber wollte auf den Berg hinaufgehen. Auch das hat er wieder getan, um uns die Lehre zu geben, uns weder bestän dig unter dem Volk aufzuhalten, noch immerfort das Volk zu meiden, sondern beides in zukömmlicher Weise zu tun, und mit beidem in entsprechendem Maße abzuwechseln.

 

 

 

Lernen also auch wir, Jesus mit Eifer anzuhängen, aber nicht, um sinnfällige Wohltaten zu empfangen, damit wir nicht denselben Tadel verdienen wie die Juden. Denn, sagt der Herr: "Ihr suchet mich, nicht weil ihr Wunderzeichen geschaut habt, sondern weil ihr von den Broten aßest und satt wurdet"25 . Darum wirkte er auch dieses Wunder nicht immer, sondern nur zweimal, um sie zu lehren, nicht dem Bauche zu dienen, sondern stets den geistigen Dingen obzuliegen. Diesen wollen also auch wir uns widmen, wollen dem himmlischen Brote nachgehen, und wenn wir es erhalten, alle irdische Sorge von uns werfen. Wenn jene26 ihre Häuser, ihre Städte, ihre Verwandten und alles verließen und sich in der Wüste aufhielten, und trotz des Hungers, der sie quälte, nicht fortgingen, dann müssen um so mehr wir, die wir uns einem so erhabenen Tische nähern, noch weit größeren Eifer zeigen, die geistigen Dinge lie ben und die materiellen erst nach diesen suchen. Auch jene wurden ja getadelt, nicht weil sie den Herrn des Brotes wegen suchten, sondern weil sie ihn nur deshalb suchten, und in erster Linie deshalb. Wenn jemand die großen Gaben verachtet und sich dafür an die kleinen hängt, die er nach der Absicht des Gebers verachten sollte, so verliert er auch diese. Wenn wir dagegen jene lieben, so gibt er uns auch die anderen dazu. Diese sind nämlich nur eine Zugabe zu jenen; so wertlos und gering sind sie im Vergleich zu jenen, wenn sie auch sonst groß sind.

 

Jagen wir also nicht diesen zeitlichen Dingen nach, sondern halten wir deren Besitz oder Verlust für etwas ganz Gleichgültiges, wie ja auch Job sich nicht an sie hing, solange er sie besaß, und ihnen nicht nachjagte, nachdem er sie verloren. Denn Besitz27 heißen diese Dinge nicht deshalb, damit wir sie vergraben, sondern damit wir sie in der rechten Weise besitzen. Und wie bei den Handwerkern jeder seine besonderen Kenntnisse hat, so versteht auch der Reiche zwar nicht das Schmiedehand werk, nicht den Schiffsbau, nicht die Webekunst, nicht das Bauhandwerk, auch sonst nichts von all dem; dafür aber soll er lernen, den Reichtum, gut zu gebrauchen und mit den Dürftigen Mitleid zu haben; dann wird er eine Kunst verstehen, die alle anderen übertrifft.

 

Diese Kunst steht ja höher als alle anderen. Ihre Werkstätte ist im Himmel errichtet worden. Werkzeuge sind nicht aus Eisen und Erz gemacht, sondern bestehen aus Güte und rechter Gesinnung. Diese Kunst hat Christus und seinen28 Vater zum Lehrmeister. Denn, sagt der Heiland, "seid barmherzig,wie euer Vatert, der im Himmel ist"29 . Das Wunderbare daran ist aber das, daß sie trotz ihrer Erhabenheit über die anderen Künste, keiner Mühe und keiner Zeit bedarf zu ihrer Betätigung; es genügt, zu wollen, und alles ist getan. Beachten wir aber auch, welches ihr Endzweck ist? Welches ist also ihr Endzweck? Himmel, die himmlischen Güter, jene unaussprechliche Herrlichkeit, die geistigen Brautgemächer,die glänzenden Lichter, der Umgang mit dem Bräutigam, alles andere, das weder die Zunge noch der Verstand darzulegen vermag. Also auch nach dieser Seite hin besteht ein großer Unterschied zwischen dieser Kunst und den anderen. Die meisten Künste nützen uns ja nur für das irdische Leben; die se aber auch für das zukünftige. Wenn aber schon die Künste, die wir für dieses Leben brauchen, so verschieden untereinander sind, wie z.B. die Kunst des Arztes und die des Baumeisters und alle anderen dieser Art, so gilt dies noch vielmehr von denen, die man bei genauem Zusehen gar nicht einmal als Künste bezeichnen kann. Darum möchte auch ich die anderen, unnötigen Beschäftigungen gar nicht einmal Künste nennen. Oder welchen Nutzen haben für uns die30 Kochkunst und die Herstellung von Leckerbissen? Gar keinen. Im Gegenteil, sie sind sogar sehr nachteilig und schädlich und verderben Leib und Seele, weil durch sie die Schwelge rei ihren festlichen Einzug hält, diese Mutter aller Krankheiten und Leiden. Aber nicht bloß diese, sondern selbst die Malerei und Stickerei möchte ich nicht eigentlich Künste nennen; denn sie stürzen uns nur in unnötige Auslagen.31 . Die wahren Künste hingegen müssen uns das, was zum Unterhalt unseres Lebens notwendig ist, besorgen und verschaffen. Darum hat uns ja auch Gott die Weisheit gegeben, damit wir Mittel und Wege finden, um unser Leben zu erhalten. Welchen Nutzen haben wir aber davon, sag mir, wenn wir an den Wänden oder auf den Kleidern Tiergestalten anbringen? Darum müßte man auch bei der Kunst der Schuhmacher und Weber gar manches Überflüsssige verbieten. Denn sie haben meistens schon zu Auswüchsen geführt, haben das, was wirklich notwendig ist,32 verkehrt, und zur Kunst die Künstelei gefügt. Dasselbe ist auch bei der Baukunst der Fall. Solage sie nur Häuser und keine Theater errichtet, also das Notwendige und nicht das Überflüssige schafft, solange nenne ich sie auch eine Kunst. Ebenso bezeichne ich die Weberei als Kunst, solange sie nur Kleider und Mäntel erzeugt, nicht aber Spinnen nachahmt und damit viel Gelächter und großen Stumpfsinn weckt. Auch dem Schumacherhandwerk nehme ich den Namen Kunst nicht, solange es nur Schuhe erzeugt. Wenn es aber die Männer zu Weibern macht und sie mit ihren Schuhen verweichlicht und verzärtelt, dann rechne ich es zu den schädlichen und überflüssigen Dingen und spreche ihm überhaupt den Namen Kunst ab.

 

Ich weiß wohl, daß ich vielen als kleinlich erscheine, wenn ich mich um solche Dinge kümmere; deshalb werde ich aber keineswegs davon abste hen. Die Ursache alles Unheils liegt ja gerade darin, daß viele diese Sünden für klein halten und sie deshalb gar nicht beachten. Ja, sagt man mir da, könnte es einen geringfügigeren Fehler geben, als einen schön geschmückten, glänzenden Schuh zu tragen, der auch dem Fuße angepaßt ist, wenn man das überhaupt einen Fehler nennen will? Soll ich also diesem Einwand ein Kapitel widmen und euch zeigen, wie groß dieser Unfug ist? Und ihr werdet deshalb nicht ungehalten sein? Nun, wenn ihr auch ungehalten seid, ich mache mir darüber keine großen Sorgen. Ihr selbst seid ja schuld an dieser Torheit, die ihr nicht einmal für eine Sünde haltet, weil ihr uns damit zwingt, solch törichte Eitelkeit zu brandmarken.

 

Wir wollen also die Sache einmal näher prüfen und sehen, was für ein Unheil sie ist. Wenn ihr Seidenbänder, die man nicht einmal für Kleider verwenden soll, sogar bei den Schuhen verwendet, verdient ihr da nicht vollauf, daß man darüber spottet und lacht? Wenn du aber meine Ansicht verachtest, so höre wenigstens auf die Worte des hl. Paulus, der dies ganz nachdrücklich verbietet; dann wirst du schon merken, wie lächerlich es ist. Was sagt also der Apostel? "Nicht mit Haargeflechten, mit Gold oder Perlen oder kostbarer Gewandung33 "34 Welche Nachsicht verdientest du also, wenn der hl. Paulus deiner Gattin nicht einmal kostbare Gewänder erlauben will, und du diese eitle Torheit sogar auf die Schuhe ausdehnst, und dir tausenfache Mühe gibst um einer so lächerlichen, schimpflichen Sache willen? Dafür wird ja ein ganzes Schiff ausgerüstet, werdeb Ruderer gemietet mit einem Unter und Obersteuermann, wird das Segel gespannt und das Meer durchfhren, dafür verläßt der Kaufmann Weib und Kind und Heimat, und vertraut sein eigenes Leben den Wogenm an, zieht in Barbarenländer und besteht tausenderlei Gefahren, nur wegen dieser Seidenbänder, damit du sie nach all dem mehen und auf deinen Schuhen anbringen und das Leder damit zieren könnest. Was gäbe es doch Schlimmeres als solch eine Torheit? Das war in alten Zeiten nicht so; da hatte man Schuhe, die sich für Männer schickten. Jetzt aber bin ich darauf gefaßt, daß unsere jungen Leute im Laufe der Zeit sogar noch Weiberschuhe anziehen ohne sich zu schämen. Das Traurigste dabei ist, daß sogar die Väter dies mit ansehen ohne unwillig zu werden, ja es im Gegenteil für eine ganz unschuldige Sache halten.

 

Und soll ich auch das sagen, was die Sache noch schlimmer macht, daß nämlich so etwas geschieht, wo es doch so viele Arme gibt? Soll ich euch Christus vor Augen stellen, wie er hungert und seiner Kleidert beraubt ist, wie er überall umherirrt und mit Banden gefessselt ist? Wie viele Blitzstrahlen würdet ihr nicht verdienen, wenn er ihn, der sich vor Hunger nicht zu helfen weiß, mißachtet und dafür solche Sorgfalt auf den Schmuck des Schuhleders verwendet? Als der Herr den Jüngern seine Satzun zungen gab, da erlaubte er ihnen nicht einmal, überhaupt Schuhe zu tragen; wir dagegen wollen nicht nur nicht barfüßig gehen, sondern nicht einmal solche Schuhe tragen, wie es sich gehört. Was gäbe es also Schlimmeres, was Lächerlicheres als solch eine Verunzierung? So etwas tut ja nur ein verweichlichter, gefühlloser, roher, zimperlicher Mensch, der nichts Rech tes zu tun hat.Oder wie könnte sich einer jemals mit etwas Notwendigem und Nützlichem abgeben, der seine Zeit mit solch überflüssigen Dingen ver geudet? Wie wäre ein solcher Jüngling imstande, sich um seine Seele zu kümmern, oder überhaupt daran zu denken, daß er eine Seele hat? Der wird ja notwendig ein erbärmlicher Wicht sein, wer solche Dinge bewundern muß, und roh, wer um solcher Sachen willen die Armen vernachlässigt, und aller Tugend bar, wer seine ganze Aufmerksamkeit solchen Gegenständen widmet. Wer sich für den Glanz von Seidenbändern, die Pracht der Farben und das Epheugeranke derartiger Gewebe interessiert, wann soll der zum Himmel aufblicken können? Wann soll mderjeneige die himmlische Schönheit bewundern, den es nach der Schönheit von Leder gelüstet und der also am Boden kriecht?

 

 

 

Gott hat den Himmel ausgebreitet und die Sonne angezündet, um deinen Blick nach oben zu lenken; du aber zwingst dich gleich den Schweinen, zur Erde zu sehen, und bist dem Teufel gehorsam. Er ist es ja, der böse Dämon, der diese Schamlosigkeit ersonnen hat, um dich von jener Schönheit abzuziehen. Darum hat er dich zu solchen Dingen higezogen, darum wird Gott, der dir den Himmel zeigt, gleichsam besiegt vom Teufel, der dir Häute zeigt, oder vielmehr nicht einmal Häute, denn auch sie sind ja Werke Gottes, sondern unnötigen Luxus und übertriebene Künstelei. So geht der Jüngling mit dem Blick zur Erde gesenkt, der eigentlich das Himmlische betrachten sollte, und er bildet sich mehr auf diese Eitzelkeiten ein,als wenn er eine große Tat vollbracht hätte, stolziert auf offenem Markte umher und macht sich selber ganz unnötig Sorgen und Kummer, es könnten seine Schuhe mit Kot beschmutzt werden, wenn es Winter, oder sie könnten mit Staub bedeckt werden, wenn es Sommer ist.

 

 

 

Was sagst du da, o Mensch? Deine ganze Seele hast du in den Schmutz geworfen um solch einer Torheit willen und merkst nicht, wie sie auf dem Boden herumgezogen wird; für deine Schuhe dagegen bist du so ängstlich besorgt! Lerne sie doch recht gebrauchen und schäme dich, daß du so große Achtung vor ihnen hast! Die Schuhe sind ja dafür da, daß sie mit Kot und Schmutz in Berührung kommen und mit jedem Unrat, der auf dem Boden liegt. Wenn dir aber das nicht gefällt, so ziehe sie aus und hänge sie dir um den Hals oder lege sie auf den Kopf.

 

 

 

Ihr lacht bei diesen Worten; ich aber möchte lieber weinen über die Torheit dieser Leute und den Eifer, den sie solchen Dingen widmen. Die würden ja lieber ihren eigenen Leib mit Kot beschmutzen als ihre Schuhe. So zimperlich wurden sie also, und dazu auch noch habsüchtig. Wer nämlich gewohnt ist, nach solchen Dingen gierig zu verlangen, der braucht auch für Kleider und alles andere viel Geld und große Einkünfte. Hat er nun einen ehrgeizigen Vater, so wird er noch mehr in seinen Fehler verstrickt und seine törichte Leidenschaft wird noch gesteigert. Ist sein Vater dagegen knauserig, so sieht er sich noch zu anderen Schamlosigkeiten gezwungen, um das Geld für derartige Auslagen zusammenzubringen. Aus diesem Grund haben schon manche junge Leute ihre Jugendblüte weggeworfen, sind zu Schmarotzern der Reichen geworden und haben sich noch anderen Sklavendiensten unterworfen, um sich damit die Befriedigung derartiger Leidenschaften zu erkaufen. Daraus ergibt sich, daß ein solcher Jüngling so zu gleicher Zeit geldgierig und erbärmlich sein wird und in den notwendigen Dingen vollkommen gleichgültig, ja daß er notgedrungen viele Sünden begehen wird; daß er aber auch zugleich hartherzig und ehrgeizig sein wird, das dürfte wohl auch niemand bestreiten. Hartherzig, weil er vor lauter Sucht nach eitlem Tand beim Anblick eines Armen tut, als sehe er ihn nicht, sondern seine Kleider und Schuhe mit Gold schmückt, um den Armen aber, der vor Hunger stirbt, sich nicht kümmert. Ehrgeizig aber wird er, weil er sich angewöhnt, auch in den kleinen Dingen dem Lobe der Zuschauer nachzujagen. Ich glaube nicht, daß ein Feldherr auf seine Armee und seine Siegestrophäen sich soviel einbildet, als diese weltlich gesinnten Jünglinge auf den Schmuck iher Schuhe, auf ihre Schleppkleider und die Locken ihres Hauptes; und doch haben all das fremde Künstler gemacht. Wenn sie es aber schon nicht lassen können, auf fremde Dinge stolz zu sein, wie werden sie auf ihre eigenen Vorzüge nicht stolz sein wollen? Soll ich noch andere, schlimmere Dinge erwähnen, oder genügt uns das? Nun, so muß ich damit meine Rede beenden, denn ich habe all das wegen derjenigen gesagt, die da in ihrem Ehrgeiz behaupten, es seien diese Dinge durchaus keine Torheit. Ich weiß auch, daß viele Jünglinge meinen Worten kein Gehör schenken werden, nachdem sie doch schon einmal von der Leidenschaft trunken sind. Deshalb durfte ich aber gleichwohl nicht schweigen. Die Väter, die noch einsichtig sind und gesunde Grundsätze haben, werden schon imstande sein, sie zu entsprechendem, anständigen Verhalten anzuleiten. Sage also nicht: Es liegt ja nichts an diesem oder jenem; denn das, gerade das hat ja das ganze Unheil verschuldet. Auch hierin müßte man eben die Knaben unterrichten und sie lehren, auch in scheinbar geringen Dingen würdevoll, edel und besser zu sein, als zu scheinen; dann würde man sie auch in wichtigen Dingen tadellos finden. Oder was gibt es Unscheinbareres als das Erlernen der Buchstaben? Und doch bringt das die Rhetoren, Sophisten und Philosophen hervor; und wenn sie das erste nicht verstehen, werden sie auch das andere nicht erlernen.

 

Das alles habe ich aber nicht bloß für die Jünglinge, sondern auch für die Frauen und Mädchen gesagt. Denn auch sie verdienen in dieser Beziehung Tadel, und zwar um so mehr, weil sich gesittetes Benehmen für eine Jungfrau noch weit eher geziemt. Denket also, was ich von den Jünglingen sagte, das sei auch von euch gesagt, damit ich nicht zweimal dasselbe zu wiederholen brauche. Doch es ist jetzt Zeit, die Rede mit Gebet zu schließen. Betet also alle mit mir, damit die Jugend, besonders die, welche zur hl.Kirche gehört, die Gnade erlange, anständig zu leben und ein ehrenvolles Alter zu erreichen. Wer aber nicht so lebt, für den ist es auch nicht gut, daß er das Greisenalter erreicht. Für jene dagegen, die schon in ihrer Jugend so weise leben wie Greise, für die bete ich, daß sie das höchste Alter erreichen mögen, Väter von wohlerzogenen Kindern werden, die ihren Eltern und vor allem Gott, der sie erschaffen hat, Freude machen, daß jede Krankheit ihnen fern bleibe, und zwar nicht bloß die Krankheit wegen der Schuhe und Kleider, sondern auch alle anderen. Denn wie ein brachliegender Acker, so ist die Jugend, die vernachlässsigt wird; sie wird überall nur Dornen hervorbringen.

 

Entzünden wir also das Feuer des Hl.Geistes und verbrennen wir darin diese schlechten Leidenschaften! Machen wir das Ackerfeld neu35 und bereit, den36 Samen aufzunehmen, und zeigen wir, daß unsere christliche Jugend ein weiseres Leben führt, als anderswo die Greise. Darin liegt ja gerade das Staunenswerte, daß schon die Jugend durch Sittsamkeit hervorragt, während die Sittsamkeit im Alter nicht mehr besonders verdienstlich ist, weil eben da die Zahl der Jahre ihren sicheren Schutzwall bildet. Wunderbar dagegen ist es, wenn man inmitten des Sturmes innere Ruhe genießt, mitten im Feuerofen nicht verbrannt wird und trotz der Jugend sich keinen Ausschweifungen hingibt.

 

Das alles wollen wir also erwägen und wollen jenem glückseligen37 Joseph nacheifern, den all diese Tugenden auszeichneten, damit auch wir dieselben Siegeskränze erlangen wie er. Dieser Siegeskrän ze mögen wir alle teilhaft werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem die Ehre gebührt mit dem Vater und dem Hl. Geiste, jetzt und immer und in alle Ewigkeit. Amen!

 

 

 

 

 

V.23: "Und nachdem Jesus die Volksmenge entlassen hatte, stieg er ohne Begleiter auf den Berg, um zu beten. Nachdem es aber schon Abend geworden war, befand er sich dort allein. V.24: Das Schifflein aber war schon mitten auf dem See und wurde von den Wellen hin- und hergeworfen; es herrschte nämlich entgegengesetzter Wind."

 

 

 

Warum steigt der Herr auf den Berg hinaus? Um uns zu zeigen, dass die Stille und Einsamkeit besonders geeignet ist, um mit Gott zu verkehren. Darum geht er selbst sehr häufig an einsame Orte und bringt dort die Nächte im Gebet zu, um uns dadurch anzuleiten, sowohl die entsprechende Zeit, wie auch den passenden Ort zum ungestörten Gebet auszuwählen. Die Einsamkeit ist ja die Mutter der Ruhe und ein stiller Zufluchtsort, der uns von all unseren Sorgen befreit. Aus diesem Grunde stieg also der Herr auf den Berg. Die Jünger dagegen werden, von neuem von den Wogen hinund hergeworfen und sind dem Sturme preisgegeben wie schon früher einmal. Allein damals hatten sie den Herrn bei sich im Schiffe, als der Sturm kam; diesmal sind sie ganz allein auf sich angewiesen. Der Herr will sie eben langsam und schrittweise zu Größerem anleiten und sie befähigen, alles mutig zu ertragen. Deshalb war er zwar bei der erstmaligen Gefahr selbst zugegen, hatte sich aber dem Schlafe überlassen, um wenigstens gleich bereit zu sein, sie zu ermutigen. Diesmal wollte er sie zu noch größerer Ausdauer veranlassen und hat darum auch das nicht getan; vielmehr entfernte er sich und läßt zu, dass mitten auf dem See sich ein solcher Sturm erhebt, dass jede Hoffnung auf Rettung ausgeschlossen schien; ja er läßt sie die ganze Nacht hindurch von den Wellen hinund hergeworfen werden, und brachte so, wie ich glaube, deren verblendetes Herz in die entsprechende Verfassung. Das ist eben die Wirkung der Furcht, die nicht bloß durch das Unwetter, sondern auch durch die Länge der Zeit hervorgebracht wurde, So erweckte der Herr in den Jüngern nicht bloß Zerknirschung, sondern auch ein um so größeres Verlangen nach ihm und machte, dass sie das Erlebnis nie wieder vergaßen. Darum kam er ihnen auch nicht sogleich zu Hilfe.

 

 

 

V.25: " Denn zur Zeit der vierten Nachtwache kam er zu ihnen, auf dem See wandelnd."

 

Jesus wollte damit den Jüngern die Lehre geben, nicht immer sofortige Befreiung zu suchen von den Leiden und Mühsalen, die sie beschwerten, sondern mannhaft das zu ertragen, was ihnen widerfuhr. Während sie nun aber hofften, aus ihrer Lage befreit zu werden, da ward im Gegenteil ihre Angst noch vermehrt.

 

 

 

V.26: "Denn als die Jünger sahen, wie er auf dem See daherkam, da erschraken sie und sagten, es sei ein Gespenst, und sie schrieen vor Angst."

 

 

 

So macht es der Herr immer: wenn er von einem Übel befreien will, bringt er zuerst noch schwerere und schlimmere. Gerade so ging es auch damals. Außer dem Sturm verursachte den Jünger auch der Anblick des Herrn keinen geringereren Schrecken als der Sturm selbst. Darum hat der Herr weder das Dunkel der Nacht verscheucht, noch auch sich selbst sogleich zu erkennen gegeben, weil er sie, wie gesagt, durch solch anhaltende Ängste üben und sie zu starkmütigem Ertragen anleiten wollte. So machte er es auch bei Job. Als er im Begriff stand, ihn von seiner Heimsuchung zu befreien, ließ er diese am Ende noch besonders stark werden, nicht infolge des Todes seiner Kinder und der Äußerungen seiner Frau, sondern durch die Schmähreden seiner Hausgenossen und Freunde. Und als er den Jakob aus der traurigen Lage befreien wollte, in die er in der Fremde geraten, da ließ er zuvor noch eine größere Trübsal über ihn kommen: Sein Schwiegervater ergriff ihn und bedrohte ihn mit dem Tode, und dann kam, sein Bruder und brachte ihn in die Äußerste Gefahr. Da man nämlich eine lang anhaltende und heftige Prüfung nicht zu ertragen vermag, deshalb fügte es Gott, dass die Gerechten, bevor das Ende ihrer Kämpfe naht, noch schwerere Prüfungen erdulden müssen, damit auch ihr Lohn größer werde. So machte er es auch bei Abraham, dem er als letzte, schwerste Probe die mit seinem eigenen Kinde auferlegte. Denn so wird auch das Unerträgliche erträglich, wenn es in seinem unmittelbaren Gefolge die Befreiung38 mit sich führt. So machte es also Christus auch in unserem Falle, und nicht eher gab er sich selbst zu erkennen, als bis die Jünger zu schreien begannen. Denn je mehr ihre Angst sich steigerte, um so willkommener war ihnen sein Erscheinen. Jetzt also, da sie schrieen,

 

 

 

V.27: "Da redete Jesus sogleich zu ihnen und sprach: Seid guten Mutes, ich bin es; fürchtet euch nicht." Dieses Wort befreite die Apostel von ihrer Angst und machte ihnen Mut. Da sie ihn nämlich beim bloßen Anblick nicht erkannten, wegen seines wunderbaren Wandelns39 und auch wegen der Nachtzeit, so gibt er sich an seiner Stimme zu erkennen. Was tut nun da Petrus, der stets voll Eifer ist und den anderen immer voraus eilt?

 

 

 

V.28: "Herr", sagt er, "wenn Du es bist, so befiehl, dass ich zu Dir auf dem Wasser komme." Er sagte nicht: bitte und bete, sondern; befiehl. Siehst du da, wie groß sein Eifer ist, wie groß sein Glaube? Und doch bringt gerade das ihn überall in Gefahr, weil er oft über Maß und Ziel hinaus wollte. So hat er ja auch hier etwas überaus Großes verlangt, allerdings nur aus Liebe, nicht aus Stolz. Er sagte nämlich nicht: Befiehl, dass ich auf dem Wasser wandle, sondern: "Befiehl, dass ich zu Dir komme. Kein anderer liebte ja Jesus in demselben Maße. Gerade so machte er es auch nach der Auferstehung; er erwartete es nicht, bis er mit den anderen käme, sondern eilte ihnen voraus. Er gab aber damit einen Beweis nicht bloß seiner Liebe, sondern auch seines Glaubens. Er glaubte ja nicht bloß, dass der Herr selbst auf dem See zu wandeln vermöge, sondern dass er auch andere dazu befähigen könne, und so verlangte es ihn, alsbald in seine Nähe zu kommen.

 

 

 

V.29: "Er aber sagte: Komm! Und Petrus stieg aus dem Schifflein und wandelte über dem Wasser, und er kam zu Jesus.

 

 

 

V.30: Als er aber den starken Wind bemerkte, geriet er in Furcht, und als er anfing zu sinken, schrie er und rief: Herr, rette mich!

 

 

 

V.31: Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus und ergriff ihn; und er sprach zu ihm: Kleingläubiger, weshalb hast du gezweifelt?"

 

 

 

Dieses Wunder ist noch erstaunlicher als das frühere. Deshalb kommt es auch erst nach dem anderen. Erst nachdem der Herr gezeigt hatte, dass er auch über den See gebiete, erhöht er die Wunderbarkeit dieses Zeichens. Damals hatte er nämlich nur den Winden geboten; hier schreitet er selber40 und läßt auch einen anderen das gleiche tun. Hätte er das gleich am Anfang zu tun befohlen, so hätte Petrus den Befehl nicht in derselben Weise aufgenommen, weil er noch keinen so starken Glauben besaß.

 

 

 

Warum hat also Christus es ihn geheißen? Weil Petrus bei seinem Feuereifer widersprochen hätte, wenn er gesagt hätte: Du darfst nicht. Er will ihn also durch die Tatsachen selbst belehren, damit er für die Zukunft gewitzigt wäre. Aber auch so läßt Petrus sich nicht zurückhalten. Nachdem er also das Schifflein verlassen hatte, begann er zu sinken, denn er hatte Furcht. Diese war schuld daran, dass er sank; er fürchtete sich aber infolge des Windes. Johannes berichtet hier:"Sie wollten ihn in das Schifflein nehmen, und alsbald gelangte das Schifflein ans Land, dem sie zusteuerten"41 . Er sagt damit im Grunde dasselbe. Während sie also im Begriffe standen zu landen, kam der Herr auf das Schifflein zu. Und Petrus stieg aus dem Schifflein und ging ihm entgegen , wobei er sich nicht so sehr darüber freute, dass er auf dem Wasser wandelte, als darüber, dass er zum Herrn kam. Nachdem er aber das Größere überwunden, sollte er dem Geringeren unterliegen, ich meine der Gewalt des Windes, nicht der des Sees. So ist eben die Menschennatur: oft vollbringt sie das Große und fällt dafür im Kleinen. So ging es zum Beispiel dem Elias mit der Jezabel, so dem Moses mit dem Ägypter, so David mit Bersabee. Auch bei Petrus ging es so: während ihn noch die Furcht beherrschte, hatte er den Mut, über dem Wasser zu wandeln; dem Andrang des Windes aber konnte er nicht mehr standhalten, und das, obgleich Christus in der Nähe war. So nützt es also nichts, dass Christus einem nahe ist, wenn er nicht durch den Glauben nahe ist. Das zeigte denn auch den Unterschied zwischen dem Meister und dem Schüler und war zugleich eine Beruhigung für die anderen. Denn wenn sie schon über die zwei Brüder42 unwillig geworden waren, so werden sie es noch mehr hier geworden sein. Sie hatten eben die Gnade des Hl. Geistes noch nicht empfangen. Später waren sie ja nicht mehr so. Da lassen sie überall dem Petrus den Vorrang, schicken ihn in den öffentlichen Versammlungen voran, obgleich er an Feinheit der Bildung den anderen nachstand. Warum hat aber der Herr nicht den Winden befohlen aufzuhören, sondern hat selbst die Hand ausgestreckt und den Petrus gefaßt? Weil es auch des Glaubens Petri bedurfte. Wenn es nämlich auf unserer Seite fehlt, so tut Gott auch das Seinige nicht. Der Herr zeigt also, dass nicht die Gewalt des Windes, sondern die Kleingläubigkeit des Petrus schuld an seinem Unfall ist, und sagt daher: "Warum hast du gezweifelt, Kleingläubiger?" Wäre er also nicht im Glauben schwach geworden, so hätte er auch dem Winde gegenüber leicht standgehalten. Darum läßt auch der Herr, nachdem er ihn gefaßt hatte, den Wind weiter wehen, um zu zeigen, dass er nicht schaden kann, wenn der Glaube festgewurzelt ist. Wenn ein junges Vögelchen vor der Zeit das Nest verläßt und schon im Begriffe steht, herabzufallen, so stützt es die Mutter mit ihren Flügeln und bringt es wieder ins Nest zurück. Geradeso macht es auch Christus.

 

 

 

V.32: "Und als sie das Schifflein bestiegen hatten, da hörte der Wind auf." Früher hatten da die Apostel gesagt: "Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar die Winde und das Meer gehorchen"?43

 

 

 

Jetzt reden sie nicht so. Denn, heißt es weiter:

 

 

 

V.33: "Die Insassen des Schiffleins kamen, beteten ihn an und sagten: Wahrlich, Du bist Gottes Sohn."

 

 

 

Siehst du, wie der Herr sie langsam zu Höherem anleitet? Da er auf dem See gewandelt und auch einem anderen befohlen, dasselbe zu tun, und den Petrus aus der Gefahr errettet hatte, so besaßen sie jetzt einen starken Glauben. Damals hatte der Herr dem Meere geboten; hier gebot er ihm nicht, und zeigte dafür seine Macht auf andere noch wirksamere Art. Darum sagten auch die Apostel: "Wahrhaftig, Du bist Gottes Sohn." Und der Herr? Hat er ihnen diese Rede verwiesen? Ganz im Gegenteil, er bekräftigte noch ihre Worte, indem er nicht bloß so wie früher, sondern mit noch erhöhtem Machterweis diejenigen heilte, die zu ihm kamen.

 

 

 

V.34: "Und als sie ans andere Ufer übergesetzt waren, kamen sie in die Landschaft Genesareth.

 

 

 

V.35: Und als ihn die Leute daselbst erkannt hatten, sandten sie Boten in die ganze Umgegend, und man brachte zu ihm alle, die krank waren.

 

 

 

V.36: Und man forderte sie auf, den Saum seines Kleides zu berühren, und alle, die ihn berührten, wurden gesund."

 

 

 

Die Leute kamen schon nicht mehr zu ihm wie früher, wo sie ihn in ihre Häuser genötigt hatten und wollten, dass er44 mit der Hand berühre, und ihnen mit Worten befehle. Jetzt suchten sie die Heilung schon in viel höherer und vollkommener Art, und mit viel m ehr Glauben. Die blutflüssige Frau hatte allen den rechten Weg gezeigt. Der Evangelist wollte hier auch zeigen, dass der Herr erst nach langer Zeit wieder in diese Gegenden kam; deshalb sagte er: "Als ihn die Leute daselbst erkannt hatten, sandten sie Boten in die Umgegend und brachten alle zu ihm, die krank waren". Die Länge der Zeit hatte ihnen also gleichwohl ihren Glauben nicht bloß nicht genommen, sondern sogar vermehrt und ihn in voller Kraft bewahrt. Berühren also auch wir den Saum seines Kleides, oder vielmehr, wenn wir nur wollen, können wir Jesum selbst ganz und gar in unserem Besitze haben. Denn auch sein heiliger Leib liegt jetzt vor uns; nicht bloß sein Kleid, sondern auch sein Leib; und nicht, damit wir ihn bloß berühren, sondern ihn auch essen und uns mit ihm sättigen. Treten wir also gläubig hin, wer immer an einer Krankheit leidet. Wenn schon diejenigen, die nur den Saum seines Kleides berührten, eine solche Kraft empfingen, um wieviel mehr dann jene, die ihn ganz besitzen? Das gläubige Hinzutreten verlangt aber, dass wir nicht bloß empfangen, was vor uns liegt, sondern dass wir es auch mit reinem Herzen berühren, dass wir dabei in solcher Verfassung seien, wie wenn wir zu Christus selbst hinzuträten. Was macht es denn, wenn du auch seine Stimme nicht hörst? Du siehst ihn dafür vor dir liegen, ja du hörst auch sogar seine Stimme, denn er spricht ja durch die Evangelisten.

 

 

 

Glaubet also, dass es auch jetzt noch das gleiche Mahl ist, an dem er selber zugegen war. Denn jenes ist von diesem in nichts unterschieden. Es ist nicht etwa so, dass dieses von Menschen bereitet wird und jenes von ihm selber hergerichtet war: vielmehr bereitet er selbst sowohl dieses wie jenes. Wenn du also siehst, wie der Priester dir45 austeilt, so denke nicht, dass es der Priester sei, der dies tut, sondern dass es Christi Hand ist, die dir entgegengehalten wird, Wenn du getauft wirst, ist es ja auch nicht der Priester, der dich tauft, sondern Gott ist es, der mit unsichtbarer Macht dein Haupt hält; kein Engel und kein Erzengel noch sonst jemand wagt es, hinzuzutreten und dich zu berühren. Geradeso ist es auch hier. Wenn Gott einem Menschen die Widergeburt zuteil werden läßt, so ist dies einzig und allein seine Gabe. Oder siehst du nicht, wie die Menschen es machen, wenn sie jemand an Kindesstatt annehmen? wie sie das auch nicht ihren Dienern überlassen, sondern in eigener Person vor Gericht erscheinen? Ebenso hat auch Gott die Zuweisung dieses Geschenkes nicht den Engeln übergeben, sondern ist selbst zugegen und befiehlt: "Heißet niemanden Vater auf der Erde"46 , nicht aus Geringschätzung gegen unsere Eltern, sondern damit du ihnen allen den vorziehest, der dich gemacht und dich unter seine eigenen Kinder aufgenommen hat. Denn wer das Größere gegeben hat, das heißt sich selbst, der wird es um so weniger unter seiner Würde finden, dir auch seinen Leib zu schenken. Hören wir es also, Priester und Laien, wessen wir gewürdigt worden sind; hören wir es und erschaudern wir! Christus hat uns erlaubt, mit seinem heiligen Fleische uns zu sättigen; sich selbst hat er als Schlachtopfer hingegeben! Wie können wir uns also rechtfertigen, wenn wir trotz dieser erhabenen Speise doch so viele und so schwere Sünden begehen? wenn wir das Lamm essen und zu Wölfen werden? wenn wir vom Lamme uns nähren und dann gleich Löwen zu rauben anfangen? Dieses Geheimnis verlangt ja, dass wir nicht bloß von Raub, sondern auch von bloßer Feindschaft uns vollkommen frei halten. Dieses Geheimnis ist eben ein Geheimnis des Friedens; es verträgt sich nicht damit, dass man47 dem Reichtum nachjage. Wenn Christus selbst sich um unseretwillen nicht schonte, was verdienen wir dann, wenn wir auf unser Geld achten und um unsere Seele uns nicht kümmern, um derentwillen er seiner selbst nicht schonte? Den Juden hat Gott zur Erinnerung an die Wohltaten, die sie empfingen, ihre Feste vorgeschrieben; dir hat er es sozusagen jeden Tag durch diese Geheimnisse anbefohlen. Schäme dich also des Kreuzes nicht; das ist unsere Ehre, das unser Geheimnis; dieses Geschenk ist unser Schmuck und unsere Zierde. Wenn ich sage, Gott hat das Himmelszelt gespannt, hat die Erde und das Meer gebildet, hat die Propheten und die Engel gesandt, so sage ich nichts, was dem gleich käme. Das ist eben die höchste aller Gaben, dass er des eigenen Sohnes nicht schonte, um seine verirrten Knechte zu retten. Keine Judas möge also diesem Tische sich nahen, kein Simon48 ;diese sind ja beide wegen ihrer Habsucht zugrunde gegangen.

 

 

 

Fliehen wir also diesen Abgrund und glauben wir nicht, es genüge zu unserem Heile, einen goldenen, mit Edelsteinen besetzten Kelch für den Altar zu opfern, nachdem wir zuvor Witwen und Waisen beraubt haben. Wenn du das Opfer ehren willst, so opfere deine eigene Seele, um derentwillen49 geschlachtet wurde; sie soll aus Gold sein. Wenn sie dagegen wertloser ist als Blei und Scherben, während der Kelch50 aus Gold ist, welchen Nutzen hast du dann davon? Achten wir also nicht bloß darauf, dass wir goldene Gefäße darbringen, sondern dass wir sie auch mit ehrlichem Verdienste bezahlt haben. Das ist noch mehr wert als Gold, dass kein ungerechtes Gut dabei im Spiele ist. Die Kirche ist ja kein Gold oder Silberladen, sondern ein Lobpreis der Engel. Dazu kommt es auf unsere Seelen an; denn nur der Seelen wegen nimmt Gott solche51 Gefäße an. Jener Tisch52 war ja damals auch nicht aus Silber und der Kelch nicht aus Gold, aus dem Christus seinen Jüngern sein eigenes Blut reichte; dennoch war alles kostbar und schaudererregend, weil es eben voll des Hl. Geistes war.

 

Willst du also Christi Leib ehren? Geh nicht an ihm vorüber, wenn du ihn nackt siehst; ehre ihn nicht hier53 mit seidenen Gewändern, während du dich draußen auf der Straße nicht um ihn kümmerst, wo er vor Kälte und Blöße zugrunde geht! Derselbe, der da gesagt hat: "Dies ist mein Leib"54 , und durch das Wort die Tatsache bekräftigte, derselbe hat auch gesagt: "Ihr habt mich hungern gesehen, und habt mich nicht genährt"55 , und: "Was ihr einem, von diesen geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan"56 . Dazu bedarf es ja keiner57 Decken, wohl aber einer reinen Seele; jenes dagegen braucht viele Sorgfalt.

Lernen wir also, weise zu sein, und Christus so zu ehren, wie er selbst geehrt sein will. Dem Geehrten ist ja d i e Ehrenbezeugung die liebste, die er selber wünscht, nicht die, die wir dafür halten. Auch Petrus glaubte ihn ja dadurch zu ehren, dass er ihn hindern wollte, seine Füße zu waschen; gleichwohl war es kein Ehrenerweis, was er tat, sondern das Gegenteil. So erweise auch du ihm die Ehre, die er selbst verlangt hat, und verwende deinen Reichtum zugunsten der Armen.

 

 

Gott braucht keine goldenen Kelche, sondern goldene Seelen.

 

 

Das sage ich aber nicht, um euch davon abzuhalten, solche Weihegeschenke darzubringen. Nur bitte ich euch, dass ihr zugleich, ja noch früher als das, euer Almosen spendet. Gott nimmt zwar auch jene Geschenke an, noch viel lieber aber diese. Bei den Weihegeschenken hat nur der einen Nutzen, der gibt, beim Almosen auch der, der empfängt. Dort hat die Sache auch einen Anschein von Ehrgeiz; hier ist das Ganze Erbarmen und Liebe. Oder was nützt es dem Herrn, wenn sein Tisch voll ist von goldenen Kelchen, er selber dagegen vor Hunger stirbt? Stille zuerst seinen Hunger, dann magst du auch seinen Tisch schmücken, soviel du kannst. Du lässest einen goldenen Kelch herstellen, und reichst ihn dafür nicht einmal einen Becher kalten Wassers. Welchen Gewinn hast du also davon? Du fertigst goldgewirkte Decken für den Altar; ihm selber willst du aber nicht einmal die notwendige Hülle geben. Was nützt dich also das? Sage mir, wenn du einen Menschen siehst, dem die notwendige Nahrung fehlt, und es ihm überließest, wie er seinen Hunger stillen könne, und nur einen silbernen Tisch vor ihn hinstelltest, würde er dir wohl Dank dafür wissen, oder nicht noch mehr sich erzürnen? Und ferner, wenn du einen siehst, der in Lumpen gehüllt ist und vor Kälte erstarrt, und, anstatt ihm Kleider zu geben, würdest du ihm goldene Bildsäulen errichten und sagen, es geschehe ihm zu Ehren, würde er nicht sagen, du treibst Spott mit ihm, und müßte er nicht das Ganze für einen Hohn ansehen, und zwar für den allerschlimmsten? Geradeso denke auch bei Christus, wenn er verlassen und fremd umhergeht und um ein Obdach bittet; denn anstatt ihn aufzunehmen, schmückst du den Fußboden seines Hauses, die Wände und die Kapitäle der Säulen, hängst Lampen an silberne Ketten auf, und ihn selbst, der im Kerker gefesselt liegt, willst du nicht einmal sehen?.

 

 

 

Und das sage ich nicht um euch abzuhalten, in solchen Dingen miteinander zu wetteifern; nur bitte ich euch, dass ihr das eine und das andere, oder vielmehr dieses vor jenem tut. Dafür, dass einer keine solchen Gaben58 brachte, ward noch niemand getadelt; für das andere aber ist sogar die Hölle angedroht, sowie ewiges Feuer und die Strafe mit den Dämonen. Schmücke also nicht das59 Haus, während du dem Bruder, der in Not ist, keine Beachtung schenkst; dieser Tempel ist ja noch viel wichtiger als der andere. Solche kostbare Weihegeschenke könnten ja auch ungläubige Herrscher, Tyrannen und Räuber wegnehmen; was du aber einmal deinem Bruder getan hast, der hungert, fremd ist und ohne Kleidung dasteht, das kann dir selbst der Teufel nicht mehr nehmen, das bleibt dir in sicherer Schatzkammer geborgen. Was sagt denn nur der Herr selbst? "Die Armen habt ihr stets bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch"60 . Gerade das muß uns ja am meisten anspornen, Almosen zu geben, dass wir ihn nicht immer als Hungernden bei uns haben, sondern nur während dieses zeitlichen Lebens. Willst du aber den vollen Sinn seiner Worte erkennen, so beachte, dass er dies nicht zu den Jüngern gesagt hat, wenn es auch so scheint, sondern es war nur für die Schwachheit des Weibes61 berechnet. Da sie eben noch etwas schwach im Glauben war, und die Jünger sie in Verlegenheit brachten, so sagte der Herr dies, um sie zu gewinnen. Dass er es wirklich nur zu ihren Troste gesagt hat, ergibt sich aus dem Zusatz: "Was fallet ihr diesem Weibe beschwerlich?"62 Dass nämlich auch wir ihn immerdar bei uns haben, spricht er aus mit den Worten: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt"63 Aus all dem geht klar hervor, dass er dies aus keinen anderen Grunde gesagt hat, als damit die Scheltworte der Jünger den eben erst im Aufblühen begriffenen Glauben des Weibes nicht verwelken. Machen wir also keinen Einwand mit dem, was nur in ganz bestimmter Absicht gesagt worden ist. Lesen wir lieber all die Gesetze, die des Neuen und die des Alten Bundes, die der Herr über das Almosen gegeben, und zeigen wir großen Eifer in dieser Sache. Das ist es, was uns von Sünden reinigt; denn: "Gebet Almosen, und ihr werdet ganz rein sein"64 Das ist besser als Opfer; denn: Erbarmen will ich und nicht Opfer"65 Das öffnet die Himmel; denn: "Deine Gebete und deine Almosen stiegen empor zur Erinnerung im Angesicht Gottes"66 Das ist notwendiger als Jungfräulichkeit; denn aus diesem Grunde wurden jene67 aus dem Brautgemach ausgeschlossen, aus diesem Grunde die anderen eingelassen. Seien wir also all dessen eingedenk und säen wir reichlich Almosen aus, damit wir auch in um so reichlicherer Fülle ernten und der himmlischen Güter teilhaft werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem Ehre sei in Ewigkeit. Amen!

 

 

 

 

 

Hl. Johannes Chrysostomus / Text aus der elektronischen BKV

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist der Glaube? Die Lehre des Apostels Paulus und der Kirchenväter über das Wesen des Glaubens und seinem Verhältnis zum Wissen

 

 

 

Lega, Victor

 

 

 

Dieser Artikel betrachtet die Unterschiede zwischen der in der westlichen Theologie vorherrschenden (subjektivistischen bzw. psychologischen), und der in der östlichen Theologie verbreiteten (ontologischen) Auffassung des Glaubens. Im Rahmen der letzteren ist der wahre Glaube eine dem Menschen von vornherein innewohnende Eigenschaft, die infolge des Sündenfalls beschädigt wurde und nur durch Gott wiederhergestellt werden kann.

 

 

 

Es braucht nicht besonders betont zu werden, wie wichtig das Problem des Verhältnisses von Glaube und Vernunft für die Religionsphilosophie ist. Für seine Lösung ist es allerdings notwendig, die Grundbegriffe zu klären. Der Glaube ist ein Grundbegriff des Christentums. „Wer gläubig geworden und getauft worden ist, wird gerettet werden; wer aber ungläubig ist, wird verdammt werden" (Мk. 16,16[1]). Die Anliegen des Glaubens liegen sowohl den Episteln der Heiligen Apostel als auch den Werken der Kirchenväter zugrunde. Umso erstaunlicher ist es, in einigen Publikationen zu lesen, dass die Glaubensfrage[n] in der orthodoxen Literatur nicht so vollständig ausgearbeitet sei[en] wie in der katholischen und protestantischen Literatur. „So ähnlich wie die Lehre über die Gnade, wartet sie [die Lehre über den Glauben - V.L.] noch darauf, ausgearbeitet zu werden", schreibt I.D. Andrejew, der Autor eines Artikels in der Enzyklopädie „Das Christentum"[2].

 

 

 

Die Bedeutung dieser Frage wird ersichtlich, wenn sie vom Standpunkt des modernen Menschen betrachtet wird. Weltweit ist der Unglaube auf dem Vormarsch. Denn wenn ein Mensch, wie es üblicherweise vorkommt, an etwas glaubt, tut er dies nur darum, weil er es nicht beweisen kann. Wenn etwas bewiesen ist, sprechen wir von Wissen und nicht von Glauben. Ein moderner, sich als zivilisiert bezeichnender Mensch hält es für peinlich, einfach etwas zu glauben, ohne es rational geprüft zu haben. Der Glaube verschwindet aus dem menschlichen Leben, und so ist es durchaus verständlich, dass einige Christen als Gegenreaktion meinen, dass die Vernunft an allem schuld sei und Atheismus und Ungläubigkeit aus der Entwicklung der Wissenschaft resultierten.

 

 

 

Das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft ist eins der Kernprobleme der christlichen Philosophie und Theologie. Besonders markant stellt sich dieses Problem in der christlichen Apologetik und bei der Mission. Sind wir berechtigt, mit den Kräften unserer Vernunft in die Aspekte der Religion einzudringen - also über Gott, Wunder, Sakramente usw. zu räsonieren? Können wir vernünftig urteilen, oder sollen wir nur auf den Positionen des Glaubens verharren? Und falls wir sagen würden, dass das Christentum sich auf die Vernunft stützen sollte, würde uns nicht erwidert, dass wir dadurch den Glauben dem Wissen unterordnen würden - „alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde" (Röm. 14, 23)? Falls wir aber bei unserer Verkündigung des Evangeliums sagen würden, dass man an Jesus einfach nur zu glauben brauche, wäre der Einwand wiederum offensichtlich: „Warum denn ausgerechnet an Christus? Es muss ja ein Wahlkriterium geben. Es ist doch leichtsinnig, wenn man beginnt, einfach so an etwas zu glauben." Und dieser Opponent wird auf seine Art und Weise recht haben: es darf nicht „einfach so" geglaubt werden; es muss eine Grundlage geben. Andererseits impliziert der Glaube immer einen willentlichen und freiwilligen Akt, da ein Glaubensobjekt immer in Frage gestellt werden kann. Denn die Tugendtat des Glaubens besteht ja darin, dass der Mensch diesen Zweifel in sich überwindet und die verführerischen Argumente der Vernunft verwirft.

 

 

 

Also wird ein reflektierender Mensch sagen, dass er nicht „einfach so" glauben könne; ihm müssten ausschlaggebende Argumente als Grundlage eines Glaubens vorgelegt werden. Falls der Mensch dennoch bereit wäre, sich überreden zu lassen („Ich glaube nicht, und dies ist schlecht"), würde dieser Zustand - vom Standpunkt des Alltagsbewusstseins, - der Selbstzombierung, der Selbsthypnose ähneln. Wenn der Mensch zu glauben begänne und sich dabei vom Zweifel abwendete, beginge er dadurch gewissermaßen Verrat an der Wahrheit, also in Bezug auf Gott, der „in Geist und Wahrheit" angebetet werden muss (Joh. 4, 24). Denn jede Wahrheit kann erkannt, gesucht und bewiesen werden, einschließlich der Wahrheit über Gott. Wäre es aber unmöglich, sie zu beweisen, wäre Gott keine Wahrheit.

 

 

 

Ferner impliziert der Glaube den Glauben an und den Gehorsam gegenüber einer Autorität. Aber Autoritäten können unterschiedlich sein. Daher benötigt man, um die richtige Autorität zu finden, ein Kriterium, das irgendwie begründet sein muss.

 

 

 

Dem modernen Menschen erscheint der Glaube als Verzicht auf die eigene Würde. „Der Mensch - das hört sich stolz an"[3]; und hier wird ihm nahe gelegt, sich zu demütigen, an das Unbewiesene zu glauben, also einen leichtsinnigen und entwürdigenden Schritt zu tun. Würde einem Menschen gesagt, er solle aus Angst vor der Strafe Gottes glauben, würde er umso eher rebellieren wollen.

 

 

 

All diesen Einwänden ist eine Idee gemeinsam: sie betonen eine Polarität zwischen Glauben und Vernunft. Es sei nur möglich, an etwas zu glauben, was unbeweisbar sei; erforschten wir dagegen etwas mithilfe der Vernunft, glaubten wir daran im eigentlichen Sinne des Wortes nicht mehr. Diese Idee erscheint so offensichtlich, dass sie sowohl von Gläubigen als auch von Atheisten anerkannt wird. Dennoch ist das Ganze nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint.

 

 

 

Beim Glauben wird vor allem der subjektive Aspekt betont: der Glaube sei ein Akt des freien Willens des Menschen. Dieses Konzept, das in der modernen Welt bis ins Absurde gesteigert worden ist, hat in den Menschen die Überzeugung heranreifen lassen, dass man an alles beliebige - Gott, Magie, Wissenschaft, sich selbst usw. - glauben könne, ohne über diese Wahl Rechenschaft ablegen zu müssen. Dabei gerät der zweite Aspekt des Glaubens in Vergessenheit: was ist sein Objekt? Woran soll man glauben? Ist dieser Glaube wahr? Diese Diskrepanz zieht sich durch die Geschichte der christlichen Philosophie und der Theologie.

 

 

 

In der abendländischen Philosophie wurde das Problem des Verhältnisses zwischen Glauben und Vernunft bereits in den Werken von Clemens Alexandrinus und Tertullian philosophisch behandelt. Clemens behauptete eine Harmonie des Glaubens und der Vernunft („Weder der Glaube kann ohne Wissen, noch das Wissen ohne Glauben sein." - Stromata, V, 1, 3). Im Gegensatz dazu betonte Tertullian einen vollen Antagonismus („Ich glaube, weil es absurd ist" gilt als der Satz, der die Quintessenz seiner Lehre darstellt). In der Scholastik entbrannte dieser Streit aufs Neue. Eine der populärsten Formulierungen stammt von Anselm von Canterbury, der den Primat des Glaubens vor der Vernunft postulierte: „Ich suche nicht nach Vernunfteinsicht, um zu glauben; sondern ich glaube, um Einsicht zu gewinnen" (Proslogion, 1). Die gegenteilige Sicht wurde von Petrus Abaelardus vertreten, der der Meinung war, falls der Glaube, wie die Offenbarung der höchsten Vernunft, des Logos, immer vernünftig und rational sei, dann stehe die Vernunft höher als der Glaube. Diese Position äußerte sich in seiner bekannten Formel „Ich verstehe, um zu glauben". Falls der Glaube allerdings ein subjektiver Willensakt sei und die Vernunft objektive Beweise benötige, könnten sie sich nicht verbinden und seien entweder unterschiedliche Wege zur selben Wahrheit (Thomas von Aquin) oder bezeugten die Existenz zweier verschiedener Wahrheiten, die miteinander in keinerlei Weise verbunden seien (Siger von Brabant, Wilhelm von Ockham).

 

 

 

Praktisch alle diese Denker griffen auf die Autorität des Heiligen Augustinus zurück, der diesem Problem große Aufmerksamkeit widmete. In verschiedenen Perioden seines Lebens löste er das Problem des Verhältnisses zwischen Glaube und Vernunft unterschiedlich. Mal vertraute er der Vernunft (in seiner Jugend), mal neigte er zum Primat des Glaubens (in seinen letzten Traktaten). Im Großen und Ganzen sah er zwischen ihnen allerdings keinen Widerspruch, denn, wie er in „De praedestinatione sanctorum", einem seiner letzten Werke, schrieb: „Jeder, der glaubt, denkt; wenn er glaubt, denkt er, und wenn er denkt, glaubt er" (2, 5). „In gewissem Sinne hat derjenige recht", sagte Augustinus in einer seinen Predigten, „der sagt: ‚Ich werde verstehen, um zu glauben', und ich habe auch recht, wenn ich dem Propheten nachspreche: ‚Glaube, um zu verstehen': mögen wir uns darauf einigen, dass wir die Wahrheit sagen. Verstehe also, um zu glauben; glaube, um zu verstehen." (Sermones, 43)

 

 

 

Aber im Großen und Ganzen, im Kontext des Wissens betrachtet, hält Augustinus den Glauben für umfassender als das Verstehen. Nicht alles könne verstanden werden; aber es sei möglich, an alles zu glauben. So schrieb Augustinus: „Was ich also verstehe, das glaube ich auch; aber nicht alles, was ich glaube, verstehe ich auch. All das, was ich verstehe, weiß ich; jedoch weiß ich nicht alles, was ich glaube. Ich weiß, wie sehr von Vorteil es ist, vieles von dem, was ich nicht weiß, zu glauben. (...) Deshalb, obwohl ich vieles auch gar nicht wissen kann, weiß ich, dass es oft von Vorteil ist, es zu glauben". (De magistro, 11). Daher ist Glauben umfassender als Verstehen.

 

 

 

So haben sich in der westlichen Theologie und Philosophie mehrere Varianten des Verhältnisses zwischen Glaube und Vernunft entwickelt, und zwar: „Ich glaube, weil es absurd ist" von Tertullian; „Ich glaube, um Einsicht zu gewinnen" von Anselm; „Ich verstehe, um zu glauben" von Abaelardus; und das Konzept der zwei Wahrheiten von Siger und Ockham. Erstaunlich ist, dass all diese möglichen Varianten gleich logisch erscheinen. Tatsächlich wirken viele Ereignisse in den Evangelien vom Standpunkt der Vernunft aus völlig absurd, und an diese soll nun geglaubt werden. Wahr ist aber auch, dass jede Erkenntnis auf einem Akt des Glaubens beruht. Dies kann der Glaube an Axiome, an Lehrer usw. sein, aber vor allem der Glaube an die Existenz der Wahrheit und ihre Erkennbarkeit. Wahr ist auch, dass jeder Christ „zur Verantwortung" für seine Hoffnung bereit sein kann und soll (1. Petr. 3, 15), die er leistet, indem er die Wahrheit des Christentums bezeugt. Glaube und Vernunft befassen sich mit unterschiedlichen Gegenständen: der Glaube befasst sich mit Gott und die Vernunft mit der erschaffenen Welt. Deshalb stellt sich heraus, dass jeder in seinem Sinne Recht hat und es unmöglich ist, in diesem Streit einen Sieger zu finden. Wie kann das sein? Gibt es vielleicht irgendeine andere Lösung dieses Problems, die keine solch heftigen Gegenargumente hervorruft? Die von der orthodoxen Ostkirche gefundene Lösung scheint die Vermeidung dieses ernsthaften Problems zu ermöglichen.

 

 

 

Es lohnt sich, darauf aufmerksam zu machen, dass es in der orthodoxen Ostkirche keinen solchen Streit über das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft gegeben hat wie in der Westkirche (obwohl auch hier unterschiedliche Auffassungen dieses Problems existierten). Unserer Ansicht nach liegt der Grund dafür darin, dass die Philosophie in Byzanz nicht so markant ausgeprägt war wie im Westen, wo die philosophische Denkweise (die Vernunft) der Erkenntnis Gottes (dem Glauben) gegenübergestellt wurde. Im orthodoxen Osten galt die Philosophie ebenfalls als Religion - so wie es der Ehrwürdige Johannes von Damaskus sagte: „... die Philosophie ist die Liebe zur Weisheit, und Gott ist die wahre Weisheit. Daher ist die Liebe zu Gott eben die wahre Philosophie."[4] Deshalb suchten die östlichen Kirchenväter die Lösung des Problems weniger auf dem Weg des philosophischen Diskurses, als vielmehr indem sie sich an die Heilige Schrift wandten.

 

 

 

Der Schlüsselsatz zum Verständnis des Wesens des Glaubens ist vielleicht das Bekenntnis des Apostels Paulus in seinem Brief an die Hebräer: „Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht"[5] (11, 1). Die Russische Übersetzung hat nicht die Tiefe des griechischen Textes. Die orthodoxen Theologen hatten aber den griechischen Text vor Augen, der lautet: Ἔστιν δὲ πίστις ἐλπιζομένων ὑπόστασις, πραγμάτων ἔλεγχος οὐ βλεπομένων. Für das Wort, das als „Verwirklichung"[6] übersetzt ist, steht im griechischen Text der Epistel das Wort „ὑπόστασις". Dies ist einer der tiefsten Begriffe der östlichen Theologie. Erstens bedeutet „ὑπόστασις" eine Hypostase, also eine Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Zweitens wurde das Wort „Hypostase" als individueller Gegenstand verstanden. So ist es z.B. in der bekannten Formel des Heiligen Hierarchen Basilius des Großen, die da lautet: „Es gibt keine Natur ohne Hypostase", und in der einfachen Darstellung der Aristotelischen Lehre über die Natur als Form eines Gegenstandes. Angewendet auf einen Menschen, bedeutet „Hypostase" also seine Individualität, seine Persönlichkeit. Und drittens, aus dem Griechischen buchstäblich ins Lateinische übersetzt, lautet „ὑπόστασις" auch „substantia", also „Substanz". Genau so wurde dieses Wort übrigens in der Vulgata übersetzt: „est autem fides sperandorum substantia rerum argumentum non parentum"[7]. Deshalb kann vermutet werden, da genau dieses Wort in der Definition des Apostels Paulus bestimmend ist, dass das Wort „Glaube" wenigstens dreierlei Sinn haben kann: einen theologischen, persönlichen (psychologischen) und philosophischen (ontologischen und gnoseologischen).

 

 

 

Am häufigsten wird unter Glaube die freiwillige Zustimmung zu einer unbewiesenen These verstanden. So ein Glaube wurde vom Apostel Paulus „der Glaube aus der Verkündigung" (Röm. 10, 17) genannt. Sicherlich haben sowohl die Väter als auch die Lehrer der Kirche auf dieses Verständnis des Glaubens hingewiesen. So lesen wir in den Werken des Heiligen Hierarchen Basilius des Großen: „Der Glaube ist eine zweifellose Zustimmung dem gegenüber, dem zugehört wurde, wobei die Wahrheit des durch die Gnade Gottes Verkündeten gewiss ist" („Predigt über den Glauben"). Der freiwillige Charakter des Glaubens wurde auch durch Clemens Alexandrinus betont, der in den „Stromata" schrieb: „Aber der Glaube ist eine freiwillige Annahme einer ungewissen Sache, die durch die Frömmigkeit befürwortet wird". Es gibt auch viele andere Beispiele, deren Anführung ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Aber schon aus diesen Erklärungen ist zu sehen, dass für orthodoxe Theologen eine freiwillige Zustimmung zu einer These untrennbar ist von einer Gnadengabe, die die Wahrheit dieser These bestätigt.

 

 

 

Wenn der Glaube aber nur subjektivistisch verstanden wird, könnte letztendlich behauptet werden, dass man an alles Beliebige glauben kann. Für das Christentum ist es jedoch wichtig, nicht nur auf den freiwilligen Charakter des Glaubensaktes hinzuweisen, sondern auch auf die Wahrheit dieses Glaubens. Die Wahrheit aber duldet keine eigenmächtige Willkür. Die Wahrheit ist immer objektiv und für den Menschen obligatorisch. In gewissem Sinne unterdrückt die Wahrheit quasi seine Freiheit. Die absolute Wahrheit ist Gott, der die Grundlage all unserer Existenz und Erkenntnis ist. Daher wird der persönliche und psychologische Aspekt des Glaubens an Gott in den Werken der Kirchenväter immer durch den ontologischen, philosophischen und theologischen Aspekt ergänzt.

 

 

 

Der philosophische Aspekt des Glaubens wurde insbesondere im lateinischen Westen betont. Für viele westliche Theologen (z.B. für den Heiligen Augustinus, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin) ist der Glaube eine unbeweisbare Grundlage unseres Denkens, die die Erkennbarkeit der Wahrheit gewährleistet. Denn es ist prinzipiell unmöglich, die Wahrheit zu erkennen bzw. nach ihr zu streben, ohne dabei an ihre Existenz zu glauben. Das ist der Sinn der verbreitetsten scholastischen Formel „Ich glaube, um zu verstehen". Glaube ist Grundlage der menschlichen Erkenntnis, Garant ihrer Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen. Daher gebe es, wie der polnische Forscher S. Wszolek schrieb, in den Lehren dieser Theologen keinen Platz für den Widerspruch zwischen Glaube und Vernunft, denn „der Glaube ist ein Teil der Vernunft, und die Vernunft - ein Teil des Glaubens"[8]. Eine solche Auffassung des Glaubens kann auch bei den östlichen Kirchenvätern gefunden werden. So schrieb zum Beispiel der Heilige Hierarch Basilius der Große: „Was kommt zuerst - das Wissen oder der Glaube? Aber wir behaupten, dass generell in der Wissenschaft der Glaube dem Wissen vorangeht; aber wenn bei der Auslegung unserer Lehre einer sagt, dass das Wissen dem Glauben vorangehe, streiten wir uns nicht darüber; verstehen darunter allerdings das Wissen, das der menschlichen Erkenntnis entspricht"[9].

 

 

 

Allerdings wurde im Osten nicht viel darüber nachgedacht, ob der Glaube an Gott für unser Wissen über Gott und die Welt notwendig ist, sondern viel häufiger über die Notwendigkeit des Glaubens an Gott als an das Sein und die Wahrheit. In diesem Sinne ist der Glaube in der Orthodoxie weniger auf die Lösung der Probleme der geschaffenen Welt orientiert, sondern hat vielmehr ein Hauptziel, nämlich Gott. So wie Priester Pawel Florenski erwähnt, spiegelt sich dies sogar in der Sprache wider: während das Wort „Wahrheit"[10] eben als „veritas" übersetzt wird, was den juristischen Aspekt des Begriffes nachvollzieht und eher unserem [Russischen] Wort „Recht" [„правда"] entspricht, bedeutet im Russischen das Wort „Wahrheit" [„истина"] eben das, was ist, und im Griechischen („ἀλήθεια") - die Ewigkeit. Die östliche Theologie ist, im Gegensatz zur westlichen, schon immer nicht nur von den Erlebnissen eines einzelnen Menschen ausgegangen, sondern hat immer auch die Wahrheit selbst beinhaltet. So ist, nach Meinung des Pseudo-Dionysius, der Glaube der Christen an die göttliche Wahrheit nichts anderes als ihre Vereinigung mit dieser Wahrheit, da sie objektiv ist[11].

 

 

 

Daraus folgt, dass der Glaube in der östlichen orthodoxen Theologie schon immer als ein vom Göttlichen Sein unabtrennbarer menschlicher Zustand, als Zustand der Vereinigung des Menschen mit Gott betrachtet wurde. Dieser theologische Sinn (dem philosophischen und ontologischen Sinn gleichgesetzt) wurde in der Orthodoxie immer in seiner untrennbaren Einheit mit dem persönlichen und psychologischen Sinn verstanden.

 

 

 

Darauf, dass der Glaube in diesen zwei Bedeutungen verstanden werden kann, haben viele Kirchenväter hingewiesen. So betonte der Ehrwürdige Johannes von Damaskus den persönlichen und theologischen Aspekt, indem er in seinem Werk „Ekdoxis" („Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens") schrieb: „Derweilen ist der Glaube zweierlei: so gibt es einen Glauben aus der Verkündigung (Röm. 10:17). Denn, wenn wir die göttlichen Schriften hören, glauben wir der Lehre des [Heiligen] Geistes. Dieser Glaube aber wird vollständig durch alles, was von Christus als Gesetz festgelegt war, also durch das fromme Leben und die Einhaltung der Gebote unseres Erneuerers. Denn wer nicht übereinstimmend mit der Überlieferung der katholischen Kirche glaubt, oder wer sich durch schmachvolles Tun in Gemeinschaft mit dem Teufel befindet, der ist untreu. Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht (Hebr. 11,1) bzw. eine zweifellose und zuversichtliche Hoffnung darauf, was uns von Gott versprochen ist, sowie auf die Erfüllung unserer Bitten. Deshalb ist der erste Glaube Sache unserer Entscheidung, und der zweite gehört zu den Gnadengaben des Geistes"[12]. Mit ihm ist auch der Ehrwürdige Anastasios Sinaites einverstanden, der in seinem „Wegweiser" anmerkte: „Der rechte Glaube wird in zweierlei Sinn verstanden: es gibt einen Glauben aus der Verkündigung (Röm. 10:17), also aus der Predigt, und es gibt auch einen festeren Glauben, nämlich die Wirklichkeit der Güter, die man erhofft (Hebr. 11,1). Einen Glauben aus der Verkündigung können alle Menschen haben, aber den zweiten Glauben erreichen nur die Gerechten". Diese Meinung teilt auch Kyrill von Jerusalem, der in der Fünften Katechese schrieb: „Das Wort `Glaube´, eins in seinem Klang, (...) unterteilt sich in zwei Arten. Zur ersten Art gehört der belehrende Glaube, wenn die Seele irgendetwas annimmt. Und er ist für den Glauben von Nutzen. Die andere Art des Glaubens ist die, die von Christus durch Gnade beschert wird".

 

 

 

Ist es möglich, diese zwei Auffassungen des Glaubens zu vereinigen - also den Glauben aus der Verkündigung, der sich aus unserem Vertrauen zu dem, dem wir zuhören, ergibt, und den wahren Glauben, der uns die Gewissheit[13] über die Existenz Gottes gibt? Unserer Meinung nach wäre diese Vereinigung lediglich in dem Falle möglich, wenn nicht nur Gott und Mensch als Subjekt und Objekt des Glaubens, als Schöpfer und Geschöpf, einander gegenübergestellt werden, sondern auch eine gewisse Einheit in dieser Gegenüberstellung gesehen wird. Dies wird im Christentum erreicht durch die Lehre über den Menschen, der nach dem Bilde Gottes und IHM ähnlich erschaffen ist. Nach der Logik des Verhältnisses zwischen Subjekt und Objekt soll die Gegenüberstellung von Gott auf der einen Seite, und dem Menschen, der an Gottes Existenz glaubt, auf der anderen Seite, dazu führen, dass der Glaube einfach als eine Fähigkeit der Erkenntnis verstanden wird. Dieser gnoseologische Sinn des Glaubens wurde in den Werken Jakobis und Schleiermachers auf eine besondere Art und Weise entwickelt, die die Existenz eines besonderen menschlichen Glaubensorgans postulierten.

 

 

 

Ja, tatsächlich: in der Heiligen Schrift ist oft die Rede davon, dass das Glaubensorgan das Herz ist. Dafür können viele Beispiele angeführt werden: „Wahrlich, ich sage euch: Wer (...) nicht zweifeln wird in seinem Herzen, sondern glauben" (Mk. 11,23); „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele" (Mt. 22, 37); „wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennen und in deinem Herzen glauben wirst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden" (Röm. 10,9); „Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen" (Mt. 5, 8), usw. Es ist auch allgemein bekannt, dass das Herz in der orthodoxen Tradition als „das sakramentale Zentrum des Menschen"[14] und der Fülle seines Seins gilt. Und daher ist der Glaube als Wirken des Herzens nicht einfach die Tätigkeit eines Gefühlorgans, das Bestandteil des menschlichen Wesens ist, sondern ein natürlicher, einheitlicher, harmonischer Zustand des ganzen Menschen, der über die Tätigkeit irgendeines seiner Bestandteile (Vernunft, freier Wille usw.) hinausgeht. So wie der Heilige Hierarch Gregor Palamas schrieb: „Und ich würde auch unseren heiligen Glauben für etwas halten, was über jedes Gefühl und jede Erkenntnis unseres Herzens hinausgeht, da er alle mentalen Fähigkeiten unserer Seele übersteigt" (Triaden, II, 3, 40).

 

 

 

Bei keinem der Kirchenväter finden wir das Verständnis des Glaubens als Fähigkeit unserer Erkenntnis. Laut der Lehre der heiligen Väter verfügt nur die Seele über Erkenntnisfähigkeit, wobei der Körper lediglich ihr Werkzeug ist. In ihren Reflexionen über die Natur der Seele übernehmen die Kirchenväter häufig entweder die Platonische oder die Aristotelische Lehre von der Seele. Der ersteren folgt der Ehrwürdige Maximus der Bekenner, der letzteren der Erhwürdige Johannes von Damaskus. Maximus der Bekenner sprach davon, dass die Seele dreiteilig sei und drei Wirkprinzipien habe: das begehrende (Gefühle), das vernünftige und das eifernde (volitionale). Johannes von Damaskus hat in der Seele ebenfalls drei Wirkprinzipien erkannt: das vegetative, das animalische (Gefühle und Empfindungen) und das vernünftige. Keiner dieser Heiligen Väter sondert den Glauben als eine spezielle Erkenntnisfähigkeit aus. Die Seele verfügt über den freien Willen, die Vernunft und die Gefühle; aber der Glaube fungiert nicht als eine separate Erkenntnisfähigkeit der Seele, die sich von anderen Erkenntnisfähigkeiten der Seele unterscheiden würde.

 

 

 

Der wahre Glaube wird also nicht durch eine der Fähigkeiten der Seele (wie durch den freien Willen, wie es üblicherweise geglaubt wird) ins Werk gesetzt, sondern durch die ganze Seele, genauer gesagt, durch den ganzen Menschen, der als ungeteiltes Ganzes verstanden wird. Der auf diese Weise verstandene Glaube nach der orthodoxen Lehre über die Einheit und Einfachheit der menschlichen Natur und, vor allem, der Seele, vermeidet die Probleme, mit denen die psychologisch orientierte westliche Theologie konfrontiert war. Tatsächlich ist für die westliche Theologie der Glaube eben ein Akt des freien Willens eines Menschen und widerspricht daher in gewissem Sinne der Vernunft. Aber der Ehrwürdige Maximus der Bekenner beispielsweise weist darauf hin, dass „der Glaube nicht einfach nur ein Werk des Willens ist, der die Bedeutung einer Tugendtat hat, die dann später mit dem Verständnis der Wahrheit belohnt wird, die aber erst äußerlich angeeignet wird (...) er ist das Organ der wirklichen Wahrnehmung und Erkenntnis der Wahrheit. Das natürliche Tun des Glaubens im Bezug auf das Objekt des Glaubens wird nicht verneint, aber gleichzeitig wird impliziert, dass er durch den Glauben selbst die Kraft hat, sich die Wahrheit anzueignen - da sie außerhalb des menschlichen Bewusstseins eine objektive Bedeutung hat - den Verstand zu erhellen und zu sich zu ziehen, noch bevor dieser es sozusagen geschafft hat, eine Bemühung zu unternehmen, sich diese Wahrheit selbständig klar zu machen. Daher ist der Glaube dem Wissen nicht gegenübergestellt und unterscheidet sich nicht von ihm wie eine niedrigere Wahrheitserkenntnisstufe von einer höheren. Der Glaube ist ebenso ein Wissen, aber eines, das von unbeweisbaren Prinzipien ausgeht. Im Werk der Gotteserkenntnis hat er eine unvergängliche Bedeutung, denn die höchsten Wahrheiten der Offenbarung können mit dem Verstand nicht ganz erfasst werden, ohne aufzuhören, für den Verstand eine aufklärende Bedeutung zu haben. In dieser Hinsicht ist der Glaube, im Vergleich mit der üblichen Art der Erkenntnis, sogar eine höhere,. Denn Gott, der gütig ist, erschafft jede Seele nach seinem Bilde."[15].

 

 

 

Diese Einheit der volitionalen, der vernünftigen und der sinnlichen Fähigkeiten der Seele, also die in ihrer Ganzheit verstandene Seele, wird in der Orthodoxie „Sophrosyne" genannt. Sophrosyne als Tätigkeit der nicht zerstückelten, als ein einheitliches Ganzes angenommenen Seele wird weder seitens der Vernunft noch der Seele noch des Willens analysiert. Sowohl die Vernunft als auch der Wille als auch die Gefühle stellen sich als Teile einer einheitlichen Seele, quasi als ihre Projektionen dar. Daher träten sie getrennt genommen gegeneinander natürlich quasi in einen Widerspruch, so wie, z.B., den Widerspruch zwischen einem volitionalen Akt des Glaubens und einem determinierten Akt der Vernunft.

 

 

 

Diese Ansicht wurde auch von den Kirchenvätern schon immer betont. So schrieb der ehrwürdige Maximus der Bekenner in den „Capita theologica et oecumenica": „Gott beschert frommen Menschen das Bekenntnis und den Glauben daran, dass ER wahrhaft existiert, und [solcher Glaube] ist wesentlicher als jeder Beweis. Denn der Glaube ist das wahrhafte Wissen, das unbeweisbare Grundprinzipien beherrscht, weil er die Hypostase der Dinge ist, die den Sinn und die Vernunft übersteigen." (1, 9)[16].

 

 

 

Besonders zu beachten ist hier das vom Ehrwürdigen Maximus verwendete Wort „Hypostase"; es kann in dem gegebenen Falle nicht nur als „Wesen" der Dinge, die den Sinn und die Vernunft übersteigen, übersetzt werden, sondern auch im rein theologischen Sinne - als Person der Allheiligen Dreifaltigkeit. So schrieb der Ehrwürdige Maximus in seinem Kommentar zu dem Satz aus dem Ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, „dass der Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, das Haupt der Frau aber der Mann, des Christus Haupt aber Gott"(1 Kor. 11, 3): „Aber Christus ist, so wie wir denken, der enhypostatische[17] Glaube"[18]. In der Auslegung zu der vom Apostel Paulus in seinem Brief an die Hebräer gegebenen Glaubensdefinition weist der Ehrwürdige Maximus darauf hin, dass „der Glaube an Gott dasselbe ist wie das Reich Gottes, und sie unterscheiden sich von einander nur gedanklich. Denn der Glaube ist das unsichtbare Reich Gottes, und das Reich [Gottes] ist der Glaube, der Gestalt annimmt.[19].

 

 

 

Der Ehrwürdige Maximus der Bekenner formuliert also theologisch die in der westlichen Theologie weit verbreitete Idee, dass der Glaube nicht antirational, sondern überrational sei. Ein Versuch über den Unterschied zwischen Antirationalität und Überrationalität stammt von Leibniz: Es gäbe einen gravierenden Unterschied zwischen dem, was der Vernunft widerspricht, und dem, was die Vernunft übersteigt. „Es gilt ihnen [den Theologen] das als über der Vernunft, was man nicht begreifen kann und wofür man den Grund nicht angeben kann. Dagegen wird jeder Satz gegen die Vernunft sein, welcher durch unwiderlegliche Gründe bekämpft werden kann, oder dessen Gegenteil auf genaue und zuverlässige Weise bewiesen werden kann."[20] Daher widersprechen, wie Leibniz weiter schreibt, die Ereignisse, Mysterien und Dogmen aus den Evangelien der Vernunft nicht, sondern übersteigen sie. Für Leibniz betrifft der Glaube nur die Werke Gottes, nicht seine Existenz selbst. Was die Existenz Gottes als solche betrifft, ist Leibniz der Meinung, dass sie durch die Kräfte der Vernunft bewiesen werden könne. Aber einerseits zu wissen, dass Gott ist, und andererseits an seine Güte zu glauben (also zu wissen, was Gott ist) - das sind ja unterschiedliche Dinge. Und das Werk des Glaubens besteht ja im vollen Vertrauen in Gott, im Verständnis dessen, dass von Gott nichts Böses ausgehen kann. Dieser göttliche Glaube ist eben das, was den menschlichen Verstand übersteigt. Leibniz zieht also folgenden Schluss: „Die Unterscheidung, die man gewöhnlich zwischen dem, was über die Vernunft hinausgeht und dem, was gegen die Vernunft geht, zieht, passt gut auch zu der Unterscheidung der beiden Arten von Notwendigkeit. Denn was gegen die Vernunft geht, geht auch gegen die unbedingt gewissen und ausnahmlosen Wahrheiten und das, was über die Vernunft hinausgeht, widerstreitet nur dem, was man zu erfahren oder zu begreifen gewöhnt ist. (...). Eine Wahrheit ist über unserer Vernunft, wenn unser Geist (und jeder erschaffene Geist) sie nicht zu verstehen vermag; und der Art ist, nach meiner Ansicht, die heilige Dreieinigkeit. Der Art sind die Wunder, die Gott sich allein vorbehalten hat, wie z.B. die Schöpfung; der Art ist die gewählte Ordnung der Welt, welche von der allgemeinen Harmonie und von einer bestimmten gleichzeitigen Kenntniss unendlich vieler Dinge abhängt. Dagegen kann eine Wahrheit niemals gegen die Vernunft sein. Ein Glaubenssatz, der von der Vernunft bekämpft und widerlegt worden ist, kann durchaus nicht für unbegreiflich erklärt werden, vielmehr kann man sagen, dass nichts leichter zu verstehen und nichts offenbarer ist, als seine Widersinnigkeit"[21].

 

 

 

Diese Überlegung von Leibniz ist recht logisch, aber sie hat auch ihre Gegenseite. In ihrem Wesen betrifft sie das Problem der Beweisbarkeit der Existenz Gottes und ist mit dem Problem der Theodizee, der „Rechtfertigung Gottes", unmittelbar verbunden. Leibniz war der Meinung, dass die Existenz Gottes durch die Vernunft beweisbar sei, aber das Wesen Gottes, seine Manifestation in der geschaffenen Welt und vor allem seine Güte, sei unserem Verstand unzugänglich und daher überrational. Allerdings sind für die Kirchenväter, wie wir gesehen haben, sowohl die Existenz Gottes als auch seine Werke in der Welt ebenfalls Glaubenssachen.

 

 

 

In der Religionsphilosophie wird folgendes Beispiel häufig angeführt: ein Analogon zum Glauben an Gott sei der Glaube an die Existenz der Außenwelt, denn werde das Problem der Existenz der Welt seitens der Vernunft angegangen, könne über das Paradoxon gestolpert werden, dass wir nicht in der Lage seien, die Existenz der Außenwelt zu beweisen („ein Skandal der Philosophie", wie Kant es nannte). Würde aber das Problem der Existenz der Welt seitens des Vertrauens auf die Gefühle angegangen, könnte es zu der Schlussfolgerung kommen, dass die Außenwelt lediglich eine Erscheinung sei, und dann käme wiederum heraus, dass es keine Außenwelt gäbe. Aber keine Argumente der Vernunft werden den Menschen davon überzeugen, dass es keine Außenwelt gäbe. Warum? Darum, weil der Mensch an die Existenz der Welt glaubt, dieser tiefreichende Glaube an die Existenz der Dinge in ihm existiert und durch nichts erschüttert werden kann. So wie W.S. Solowjow schrieb: „Wir glauben unbedingt an die Existenz der Außenwelt als solcher (unabhängig, ob und wie sie für uns aufscheint), wir nehmen eine solche Existenz als eine unbestreitbare Wahrheit an, während die rationalen Beweise dieser Wahrheit, die bis jetzt von Philosophen vorgelegt worden sind, keiner strengen Kritik standhalten."[22] So ist es auch mit dem Glauben an die Existenz Gottes: ein Christ glaubt, obwohl die Vernunft Argumente für die Nicht-Existenz Gottes anführen könnte („Niemand hat Gott jemals gesehen"; Joh. 1,18) und der freie Wille dem Glauben trotzt. Aber wenn wir uns daran erinnern, dass die Seele einheitlich, einfach und ganzheitlich ist und nicht in irgendwelche voneinander unabhängige Teil zerstückelt werden kann, wobei Gefühl, Wille und Vernunft die Fähigkeiten der einheitlichen Seele sind, dann verrichtet unsere in ihrer vollen Ganzheitlichkeit angenommene Seele die Werke, die sowohl das Gefühl als auch den Willen als auch die Vernunft übersteigen, und Glaube heißen. Das Wirken solchen Glaubens ist weder der Vernunft, noch dem Willen, noch den Empfindungen unterstellbar, es wird uns aber auch unmittelbar gegeben. Allerdings muss einschränkend gesagt werden, dass ein derartiger Vergleich des Glaubens an Gott und des Glaubens an die Welt, wie z.B. W.S. Solowjow anmerkte, nicht ganz korrekt ist, denn nach Meinung des Ehrwürdigen Maximus des Bekenners wird „nur die Existenz von IHM allein (von Gott - W.L.) auf Treu und Glauben angenommen"[23]. Dies ist auch vom philosophischen Standpunkt wirklich so, denn die Existenz der Welt ist, obwohl sie nicht rational bewiesen werden kann, offensichtlich und für den Menschen sogar zwingend, da sie seinen freien Willen unterdrückt (es ist schwer, sich zu zwingen, an unsere Welt nicht zu glauben). Dagegen ist es möglich, an der Existenz Gottes zu zweifeln und sie sogar zu verneinen, da der wahre Glaube an Gott einer sophrosynen Seele gegeben wird, als einer Seele, die in sich sowohl die Vernunft als auch den freien Willen als auch die Gefühle vereint.

 

 

 

Es ist verständlich, warum in einem solchen Fall ein scheinbarer Widerspruch zwischen der Vernunft und dem Willen einerseits und dem Glauben andererseits entstehen kann (ein Beispiel dafür ist, wenn einer sich zum Glauben zwingen will, aber keine Beweise zu liefern vermag. Oder umgekehrt: ich liefere Beweise, aber kann mich nicht zum Glauben zwingen). Es geht darum, dass der Glaube einer anderen Realität angehört als die Vernunft und der Wille. Der Glaube vereinigt sie, gibt ihnen eine Existenz und die Handlungsfähigkeit, gilt als ihre Grundlage und das Medium ihrer Existenz. Eben daher kann es prinzipiell keinen Widerspruch zwischen Glauben und Vernunft geben, da diese keine gleichrangigen Phänomene sind. Ein Widerspruch entsteht nur dann, wenn der Glaube lediglich dem Willen gleichgesetzt wird und in der gespaltenen Seele eine Unstimmigkeit zwischen ihren Wirkprinzipien entsteht.

 

 

 

Wird der Glaube aber ontologisch und theologisch, und nicht nur persönlich und psychologisch, verstanden, dann wird das Verhältnis zwischen Vernunft und Glaube tiefer erscheinen. Einerseits kann die Vernunft als eine Fähigkeit der Seele angesehen werden, den Menschen zum Glauben zu bringen[24], aber andererseits kann sie ihn nicht dazu zwingen (kann also nicht die Existenz des Glaubensobjekts so beweisen, wie ein mathematisches Theorem bewiesen wird). Denn die Vernunft ist noch nicht die ganze Seele. So werden auch die Beziehungen zwischen dem freien Willens und dem Glauben aufgebaut : da der Glaube den Willen miteinschließt, ist der Glaube immer frei(willig); aber weil der Glaube sich nicht auf den Willen reduzieren lässt, ist es nicht möglich, alles Beliebige zu glauben. Es kann also gesagt werden, Glaube ist eine freiwillige geistliche Anschauung der Wahrheit, von einem ganzheitlichen Menschen durch die Gnade Gottes verwirklicht. Genau einen solchen Glauben meint der Ehrwürdige Isaak der Syrer: „... den Glauben, der in der Seele durch das Licht der Gnade aufleuchtet; der durch die Nachweise der Vernunft das Herz bestärkt, damit es nicht an der Gewissheit der Wahrheit zweifelt"[25].

 

 

 

Der Glaube als unmittelbares Werk unserer ganzen Seele zeigt uns das Objekt unseres Glaubens in der unmittelbaren Erfahrung. Einen ähnlichen Vergleich des wahren Glaubens an die Existenz Gottes mit dem Glauben an die Existenz der Welt führte auch der Heilige Hierarch Johannes Chrysostomus in seiner „Homilie über den Brief an die Hebräer" an: „Der Glaube ist also die Anschauung der Dinge, die nicht offenbar sind, will er [der Apostel] sagen, und er führt uns zu derselben Überzeugungsfülle in Betreff der Dinge, die nicht gesehen werden, wie wir überzeugt sind von denen, die wirklich angeschaut werden. Man kann also weder in Bezug auf die Dinge, die gesehen werden, ungläubig sein; noch kann sich andererseits Glaube verwirklichen, wo jemand von den Dingen, die nicht sichtbar sind, nicht klarer überzeugt ist, als von denen, die gesehen werden."[26]

 

 

 

Kann ein Mensch einen solchen Glauben haben? Ja, das kann er. Mehr noch: dies ist sein natürlicher Zustand. Einen solchen Glauben hatte der Mensch im Paradies vor dem Sündenfall. Während Adam im Garten Eden war, konnte er mit Gott sprechen und IHN sehen. Mit anderen Worten: sein Glaube war so wahrhaft und offensichtlich, dass er weder Argumente der Vernunft noch freiwillige Zustimmung benötigte. Was ist der Grund für das Fehlen des wahrhaften Glaubens im gegenwärtigen Menschen? Nach der einhelligen Meinung der christlichen Theologien ist dieser Grund eben der Sündenfall der Urväter und die Erbsünde, die unsere Natur beschädigt hat. Laut einem Gedanken von Maximus dem Bekenner besteht das Wesen des Sündenfalls in der Disharmonie innerhalb der menschlichen Natur, die entstand, nachdem Adam die Ursünde begangen hatte. Diese Disharmonie führte dazu, dass das sinnliche Wirkprinzip im Menschen, das in seiner Idealnatur dazu bestimmt war, sich den oberen Wirkprinzipien (vor allem der Vernunft) unterzuordnen, nun obsiegt. „Der Sündenfall bestand darin, dass der Mensch sich von Gott, seinem Urbild, abgewandt und, dem Darunterliegenden, dem materiellen Sein, zugewandt und untergeordnet hat"[27]. Dies hat nun dazu geführt, dass die Harmonie der menschlichen Natur beeinträchtigt wurde, die Seele sich dem körperlichen Wirkprinzip unterordnete und ihre ganzheitliche Einfachheit verlor, und dass der Mensch dadurch der Fähigkeit verlustig ging, die geistliche Welt zu sehen, also [der Fähigkeit] des wahren Glaubens. Aber dadurch geriet der Mensch in einen solchen Zustand, dass er nicht mehr aus eigener Kraft in den ursprünglich geschaffenen Zustand zurückkehren konnte, wie sehr er sich auch anstrengte, denn der Sündenfall hatte zu einer Veränderung der Natur des Menschen, also seines Wesen, geführt. Sicherlich kann ein Mensch danach streben, in den ursprünglich geschaffenen Zustand zurückzukehren, und kann einen anfänglichen Glauben haben; er ist aber nicht in der Lage, den wahren Glauben aus eigener Kraft zu erlangen, denn dies würde eine Änderung der Natur des Menschen bedeuten. Solch ein Glaube kann einem Menschen nur durch Gott, als Antwort auf Gebete, andachtsvolle Fürbitten und ein frommes, gerechtes Leben, gegeben werden. Nach der orthodoxen Lehre wird der wahre Glaube durch die Gnade Gottes immer nur in der Kirche gewährt. So kann der in vielerlei Hinsicht rätselhafte Satz verstanden werden, der vom Vater des besessenen Jungen ausgesprochen wurde: „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!" (Mk. 9,24). Anders gesagt, hatte dieser Vater den Anfangsglauben, der „aus der Verkündigung" stammt; aber er hatte noch nicht den wahren Glauben, den nur Gott geben kann. Und eben um diesen Glauben bittet er Christus, der sowohl die göttliche als auch die menschliche Natur in sich vereint; er weist beispielhaft auf diesen vollkommenen Glauben hin, den der Mensch anstreben soll, indem er an Christus glaubt. Christus gibt dem Menschen die Gabe des Glaubens, indem ER die Prägung der Ursünde aufhebt; und so erlangt der Mensch in sich von neuem die verlorene Einheit seiner Natur. Das Ergebnis dieses Glaubens ist die Liebe zu Gott: „Von der Sammlung in Eins um die göttlichen [Dinge] und der Vereinigung der seelischen Kräfte, also der vernünftigen, der begehrenden und der eifernden Kraft, wird eben Liebe geboren. Infolge dieser Liebe prägt sich die Schönheit der Göttlichen Vollkommenheit ins Gedächtnis derer ein, die durch die Gnade die Gleichheit mit Gott erlangt haben"[28].

 

 

 

Für die östliche Theologie ist also der wahre Glaube vor allem der natürliche Zustand des Menschen. Die Kirchenväter verglichen den Glauben oft mit dem körperlichen Sehvermögen: so wie es für den Menschen natürlich ist, die Außenwelt zu sehen, wobei Blindheit eben eine Krankheit ist, so ist der Glaube an Gott für den Menschen eben so natürlich, wobei Unglaube eine Verzerrung, eine Folge der Wirkung der Ursünde darstellt.

 

 

 

Diese unmittelbare Erfahrung, die durch die Gnade Gottes gewährt wird, also das Wissen einer sophrosynen Seele (einer Seele, die mit dem Herzen und nicht mit der [isolierten] Vernunft oder dem [isolierten] Gefühl operiert), beschert dem Menschen nicht nur die subjektive Überzeugung von der Existenz Gottes (also den Glauben, den ein orthodoxer Christ eben auch haben soll), sondern ist auch der Weg zur wahren Vergöttlichung, zur Vereinigung mit Gott als einem „vormentalen Akt der unmittelbaren Erkenntnis der Gottheit in der heiligen Ekstase"[29].

 

 

 

Die orthodoxe östliche Theologie behandelt also das Problem des Glaubens in einem etwas anderen Sinne als die westliche. Während für den westlichen Typus der Theologie vorwiegend das subjektivistische, psychologische Verständnis des Glaubens charakteristisch ist, worauf A.I. Brilliantow hinweist, ist für die östliche Theologie eher das ontologische Verständnis prägend[30]. Es muss allerdings angemerkt werden, dass auch die östlichen Kirchenväter den Psychologismus im Verständnis des Glaubens nicht ausgeschlossen haben; denn sie haben verstanden, dass die Tugendtat des Glaubens nur bei freiwilligem Wirken des Menschen möglich ist, sahen aber einen solchen Glauben nur als einen anfänglichen Zustand an.

 

 

 

 

 

[1] Hier und im Folgenden, wenn nicht anders angegeben, folgt der Text der Elberfelder-Bibelübersetzung. (Anm.d.Ü.)

 

 

 

[2] Андреев И.Д. Вера // Христианство. Энциклопедический словарь. Т.1. М., 1993. С. 354 (Andrejew, I.D. Glaube // Das Christentum. Das enzyklopädische Lexikon. Band 1. Moskau, 1993. S. 354).

 

 

 

[3] Ein Zitat aus den Werken des sowjetischen Schriftstellers Maxim Gorki. (Anm.d.Ü.)

 

 

 

[4] Иоанн Дамаскин, преп. Творения. Источник знания. М., 2002. С. 57 (Johannes von Damaskus, Ehrw. Die Werke. Die Quelle des Wissens. Moskau. 2002. S.57).

 

 

 

[5] Russ.: „Вера же есть осуществление ожидаемого и уверенность в невидимом" (Anm.d.Ü.)

 

 

 

[6] Russ.: „осуществление" (Anm.d.Ü.)

 

 

 

[7] So ist dieses Wort in mehreren modernen westlichen Bibelausgaben übersetzt: vgl. z.B. „La fede è fondamento delle cose che si sperano e prova di quelle che non si vedono" (Ital.), «Now faith is the substance of things hoped for, the evidence of things not seen» (Engl., New King James Version), „Es pues la fe la sustancia de las cosas que se esperan, la demostración de las cosas que no se ven» (Span.).

 

 

 

[8] Вшолек С. Рациональность веры. М., 2005. С. 60. (Wszolek S. Die Rationalität des Glaubens». Moskau, 2005. S.60 (Englischer Name: Between Reason and Faith).

 

 

 

[9] Cв. Василий. Творения... Письма. Минск, 2003. С. 361 (Hl. Basilius. Die Werke (...) Die Briefe. Minsk, 2003).

 

 

 

[10] Russ.: «истина». (Anm.d.Ü)

 

 

 

[11] Vgl.: „Der Verstand ist die einfache wahrhaft wesentliche Wahrheit, an welche als an die reine und unirrende Kenntnis des Ganzen der göttliche Glaube sich hält, der feste Grund der Gläubigen, welcher sie in der Wahrheit gründet und die Wahrheit in ihnen, dadurch, dass sie in unwandelbarer Einheit die einfache, wahre Kenntnis von den Gegenständen des Glaubens haben. Denn wenn die Erkenntnis Erkennendes und Erkanntes vereinigt, die Unwissenheit aber dem Unwissenden immerwährende Ursache der Wandlung ist und der Trennung von sich selbst, so wird im Gegenteil den in Wahrheit Glaubenden nach der Heiligen Schrift nichts wegbewegen von dem wahren Grunde des Glaubens, in welchem er das Beharrende der unbewegten und unwandelbaren Einheit besitzt. Denn wohl weiß der, welcher mit der Wahrheit vereinigt ist, dass er sich wohl befinde, wenn auch die Menge ihn als einen Verrückten betrachtet. (Дионисий Ареопагит. О божественных именах, VII, 4 // Дионисий Ареопагит. Сочинения. СПб., 2002. С. 465-469 (Dionysius Areopagita. Peri theion onomaton. VII, 4 // Dionysius Areopagita. Die Werke. St.Petersburg, 2002. S. 465-469).

 

 

 

[12] Иоанн Дамаскин, преп. Творения. Источник знания. М., 2002. С.294-295 (Ehrw. Johannes von Damaskus,. Werke. Die Quelle des Wissens. Moskau. 2002. S. 294-295)

 

 

 

[13] Im Russischen stammen die Worte „Glaube" („вера"), „Vertrauen" („доверие") und „Gewissheit" („уверенность") aus dem gleichen Wortstamm „вер", der wiederum sich auf den sanskritischen Stamm „warena" (Hitze, Flamme, feuriges Streben) bzw. „waratara" (verbindendes Seil) bezieht, (Anm.d.Ü.)

 

 

 

[14] Вышеславцев Б.П. Этика преображенного эроса. М., 1994. С. 275 (Wyscheslawtsew B.P. Die Ethik des transformierten Eros. Moskau, 1994. S.275)..

 

 

 

[15] Бриллиантов А.И. Влияние восточного богословия на западное в произведениях Иоанна Скота Эригены. М., 1998. С. 218. (Brillianttow. A.I. Der Einfluss der östlichen Theologie auf die westliche in den Werken von Johannes Scottus Eriugena. Moskau, 1998. S.218).

 

 

 

[16] Максим Исповедник, преп. Творения. Т.1. М., 1993. С. 216 (Maximus der Bekenner, Ehrw. Die Werke. Band 1. Moskau, 1993. S. 216)

 

 

 

[17] Enhypostatisch: etwas, was seine Hypostase in einem anderen, durch ein anderes oder dank einem anderen Sein hat. Die Enhypostasie-Lehre wurde von Leontius von Byzanz entwickelt. (Anm.d.Ü.)

 

 

 

[18] Максим Исповедник, преп. Вопросоответы к Фалассию. Вопр. 25 // Максим Исповедник, преп. Творения. Т.2. М., 1994. С.83. (Maximus der Bekenner, Ehrw. Quaestiones ad Thalassium. Quast.25 // Maximus der Bekenner, Ehrw. Die Werke. Band 2. Moskau, 1994. S.83)

 

 

 

[19] Ibid. Quast. 33. S. 108.

 

 

 

[20] Лейбниц Г.В. Сочинения: В 4 т. Т. 4. М., 1989. С. 111 (Leibniz G.W. Werke: in 4 Bänden, Band 4. Moskau, 1989. S.111).

 

 

 

[21] Ibid. S. 91.

 

 

 

[22] Соловьев В.С. Вера // Христианство. Энциклопедический словарь. Т.1. М., 1993. С. 352-353 (Solowjow W.S. Der Glaube // Das Christentum. Das enzyklopädische Lexikon. Band 1, Moskau, 1993. S. 352-353).

 

 

 

[23] Максим Исповедник, преп. Творения. Т.1. С. 216. (Maximus der Bekenner, Ehrw. Die Werke. Band 1. S. 216).

 

 

 

[24] Vgl.: „Das Wissen ist eine Stufe, über die der Mensch auf die Höhe des Glaubens emporsteigt" (Isaak der Syrer, Ehrw. Asketische Homilien. Moskau, 2002, S. 195).

 

 

 

[25] Исаак Сирин, преп. Слова духовно-подвижнические. М., 2002. С. 207 (Isaak der Syrer, Ehrw. Asketische Homilien. Moskau, 2002, S. 207)..

 

 

 

[26] Иоанн Златоуст, свт. Беседа 21. Johannis Chrysostomus, Hl. Hier. Homilie 21.

 

 

 

[27] Бриллиантов А.И. Влияние восточного богословия на западное в произведениях Иоанна Скота Эригены. С. 240. (Brillianttow. A.I. Der Einfluss der östlichen Theologie auf die westliche in den Werken von Johannes Scottus Eriugena. Moskau, 1998. S. 240).

 

 

 

[28] Максим Исповедник, преп. Вопросоответы к Фалассию. Вопр. 49. С. 152 (Maximus der Bekenner, Ehrw. Quaestiones ad Thalassium. Quast. 49, S. 152).

 

 

 

[29] Епифанович С.Л. Преп. Максим Исповедник и византийское богословие. М., 1996. С. 136 (Epifanowitsch S.P. Der Ehrwürdige Maximus der Bekenner und die byzantinische Theologie". Moskau, 1990. S. 136). .

 

 

 

[30] См.: Бриллиантов А.И. Влияние восточного богословия на западное в произведениях Иоанна Скота Эригены. С. 234-242 (Brillianttow. A.I. Der Einfluss der östlichen Theologie auf die westliche in den Werken von Johannes Scottus Eriugena. S. 234-242)..

 

 

 

Quelle: http://de.bogoslov.ru/text/380139.html

 

 

 

1D. h. er verdient diesen Namen nicht mehr.

 

2Ps. 72, 27.

 

3Joh. 14, 21.

 

4Ezech. 18, 23.

 

5Sprüchw. 18, 3.

 

6Ebd. 20, 9.

 

7Luk. 18, 13.

 

8Is. 57, 17. 18.

 

9Mit Herz und Mund.

 

10Jerem. 7, 17. 18; σταῖς = Teig; eine andere Leseart hat στέαρ = Fett, Talg, daher die lateinische Übersetzung terunt adipem.

 

11Philipp. 2, 21.

 

12Mark. 9, 44.

 

13Röm. 13, 3.

 

14II. Thess. 1, 9.

 

15I. Kor. 6, 9.

 

16Hebr. 12, 14.

 

17Matth. 7, 22. 23.

 

18Ebd. 25, 46.

 

19Hebr. 10, 31.

 

20I. Thess. 5, 11.

 

21D. h. den im Feuer Bewährten: διακαιομένων = der Durchglühten.

 

22II. Kor. 10, 5.

 

23Röm. 5, 21.

 

24an den Herrn

 

25Joh 6,26

 

26Juden

 

27das griech. Wortspiel chrämata ... chräsometha läßt sich deutsch nicht gut wiedergeben

 

28himmlischen

 

29Lk 6,36

 

30verfeinerte

 

31Der hl.Chrysostomus will hier offenbar nicht diese Künste an sich verwerfen, sondern nur als Moralist deren mögliche Auswüchse bekämpfen

 

32in Luxus

 

33sollen die Frauen sich schmücken

 

341 Tim 2,9

 

35vgl.Jer 4,3

 

36guten

 

37ägyptischen

 

38von allem Leid

 

39auf dem Wasser

 

40auf dem Wasser

 

41Joh 6,21

 

42die Söhne des Zebedäus: Mt 20,24

 

43Mt 8,27

 

44die Kranken

 

45die hl. Kommunion

 

46Mt 23,9

 

47auf unrechte Weise

 

48der Zauberer

 

49das Opferlamm

 

50den du spendest

 

51goldenen

 

52beim Abendmahl

 

53in der Kirche

 

54Mt 26,26

 

55Mt 25,42

 

56Mt 25,45

 

57seidenen

 

58für die Kirche

 

59Gottes

 

60Mk 14,7

 

61Maria Magdalena

 

62Mt 26,10

 

63Mt 28,20

 

64Lk 11,41

 

65Osee 6,6

 

66Apg 10,4

 

67törichten Jungfrauen

 

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KOMMENTARE UND PREDIGTEN ZUM SONNTAG
9. Sonntag nach Pfingsten_ Jesus Christu
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Am Sonntag, den 30.07.2017 (17.07.2017 nach altem Kalender), feiern wir das Fest der Heiligen Großmärtyrerin Marina. Außerdem feiern wir noch den 8. Sonntag nach Pfingsten.

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Die Heilige Marina 17. Juli
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8. Sonntag nach Pfingsten:

 

 

 

Von der eucharistischen Speise

 

 

 

 

 

 

 

Der Apostel des Sonntags

 

 

 

Ich bitte euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig dasselbe sagt und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinn und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seit. Denn es ist mir durch die Hausgenossen der Chloë über euch bekannt geworden, meine Brüder, dass Streitigkeiten unter euch sind. Ich meine aber dies, dass jeder von euch sagt: Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber Christi. Ist Christus zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt, oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? Ich danke Gott, dass ich niemand von euch getauft habe außer Krispus und Gajus, damit nicht jemand sage, ihr seiet auf meinen Namen getauft worden. Ich habe aber auch das Haus des Stephanas getauft; sonst weiß ich nicht, ob ich noch jemand getauft habe. Denn Christus hat mich nicht ausgesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen: nicht in Redeweisheit, damit nicht das Kreuz Christi zunichte gemacht werde. Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die wir gerettet werden, ist es Gottes Kraft.

 

 

 

1 Kor 1, 10-18

 

 

 

 

 

Das Evangelium des Sonntages

 

 

 

Und als er ausstieg, sah er eine große Volksmenge, und er wurde innerlich bewegt über sie und heilte ihre Kranken. Als es aber Abend geworden war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Der Ort ist öde, und die Zeit ist schon vergangen. Entlass die Volksmengen, dass sie hingehen in die Dörfer und sich Speise kaufen! Jesus aber sprach zu ihnen: Sie haben nicht nötig wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Sie aber sagen zu ihm: Wir haben nichts hier als nur fünf Brote und zwei Fische. Er aber sprach: Bringt sie mir her! Und er befahl den Volksmengen, sich auf das Gras zu lagern, nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte auf zum Himmel und dankte; und er brach die Brote und gab sie den Jüngern, die Jünger aber gaben sie den Volksmengen. Und sie aßen alle und wurden gesättigt. Und sie hoben auf, was an Brocken übrig blieb: zwölf Handkörbe voll. Die aber aßen, waren ungefähr fünftausend Männer, ohne Frauen und Kinder. Und sogleich nötigte er die Jünger, in das Boot zu steigen und ihm an das jenseitige Ufer vorauszufahren, bis er die Volksmengen entlassen habe.

 

Mt 14, 14-22

 

 

 

 

 

 

Das Mysterium der Eucharistie

 

 

 

Die westliche Christenheit bekennt ihren Glauben in der Liturgie mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis, dessen dritter Artikel folgenden Wortlaut hat: „... Ich glaube... an den Heiligen Geist, eine heilige, katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden und ein ewiges Leben.“ Bei genauerem Hinsehen fällt die Doppelung auf, mit der die Kirche in einem so konzentrierten Text noch einmal als „Gemeinschaft der Heiligen“ erwähnt wird.

 

Auch Luther ist das Wort „Gemeinschaft“ an dieser Stelle nicht geheuer. Auf die Kirche möchte er dieses Wort überhaupt nicht angewendet sehen (Gr. Kat. II,49). Er wollte das Wesen der Kirche nicht mit einem menschlichen Gemeinschaftsbegriff erklärt sehen, weil sie von Gott gestiftet ist. Auch wusste er, dass der Ausdruck „Gemeinschaft der Heiligen“ ein späterer Zusatz in dem Bekenntnis ist, der „Kirche“ näher erklären sollte. So wurde dieser Ausdruck für Kirche 1500 Jahre durch die abendländische Kirche mitgeschleppt und prägte das das westliche Kirchenverständnis im sozialen Sinne. Lange Zeit dachte man, der Begriff „Gemeinschaft der Heiligen“ (lateinisch „sanctorum communio“ - stamme aus der westlichen Tradition). Vor etwa 50 Jahren entdeckte man jedoch, dass der dritte Teil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses seinen Ursprung im Osten hatte. Bischof Niketas von Remesiana (Serbien) verwendete den umstrittenen Ausdruck in einer Erklärung des Glaubensbekenntnisses. Kommt er jedoch aus dem Osten, so muss er von seinem griechischen Wortlaut her verstanden werden.

 

Das griechische Wort für das deutsche „Gemeinschaft“ heißt „koinonia“. Dieses hat jedoch nur ausnahmsweise die soziale Bedeutung im Sinne von „Gemeinschaft von Personen“. Seine Hauptbedeutung ist sachbezogen, und es wird daher auch mit dem Genitiv der Sache konstruiert. So muss „koinonia“ im Sinne von „Teilhabe an einer Sache“ verstanden werden. Wo im Deutschen „Gemeinschaft der Heiligen“ (lat.: sanctorum communio) steht, sagt das Griechische „Teilhabe an den heiligen Dingen“. - Hinzukommt noch, dass „...... der heiligen Dinge“ grammatisch kein normaler Pluralgenitiv ist, sondern Dual, d.h. „.. der zwei heiligen Dinge“. So muss also der deutsche Ausdruck „Gemeinschaft der Heiligen“ (ein Begriff, der eine Gemeinschaft von Personen umschreibt) vom griechischen Sprachgebrauch richtig übersetzt werden mit: „Teilhabe an den beiden heiligen Dingen“. Der dritte Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses lautet dann: Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige, katholische Kirche, (statt: Gemeinschaft der Heiligen) die Teilhabe an den beiden heiligen Dingen...

 

Anstelle des überflüssigen Doppelausdrucks für Kirche (denn was anders sollte schon Kirche sein, als die Gemeinschaft der Heiligen?!) tritt nun ein weiterer Glaubensgegenstand. Um welch anderen wichtigen Glaubensinhalt kann es sich hier schon handeln, wenn von „zwei heiligen Dingen“ die Rede ist, als um die beiden eucharistischen Gaben von Brot und Wein?! - Der Gebrauch der Zweizahl in Verbindung mit dem Wort „heilig“ ist jedem Christen aus der sonntäglichen Liturgie bekannt, wenn der Priester vor der Austeilung der Kommunion ausruft:„Das Heilige den Heiligen!“, wobei „das Heilige“ die beiden eucharistischen Gaben, Leib und Blut Christi meint. - Somit ist also im dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses auch die Eucharistie erwähnt.

 

Dieses Verständnis der Eucharistie als Eingehen des unendlichen Gottes in die endliche Materie des gesegneten Brotes und Weins ist nicht das Resultat einer späteren Theologie, sondern beruht auf den Aussagen des Neuen Testaments:

 

Auch der Apostel Paulus verwendet zur Erklärung der eucharistischen Gaben jenes griechische Wort „koinonia“, das die reale Anteilnahme an den heiligen Gaben beschreibt. In 1 Kor. 10,16 heißt es: „Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Teilhabe am Blut Christi; das gesegnete Brot, das wir brechen, ist das nicht die Teilhabe am Leib Christi“. Hier sind die beiden Dinge erwähnt, die die Zweizahl (den Dual) ausmachen in dem Ausruf des Priesters vor der Austeilung der Kommunion: „Das Heilige (griech. ‚die beiden heiligen Dinge‘) den Heiligen!“

 

Vom Neuen Testament über älteste liturgische Tradition bis ins Glaubensbekenntnis hinein ist dieses Verständnis der Eucharistie entfaltet und bewahrt worden. Das genossenschaftliche Abendmahlsverständnis der modernen Ausleger lässt sich aus dem griechischen Sprachgebrauch nicht begründen. Die sakramentale Interpretation des Ausdrucks wird noch bestätigt durch eine normannisch-französische Übersetzung des Apostolikums mit folgendem Wortlaut: „Jeo crei el Seint Esprit; seinte eglise catholica; la communiun des seintes choses; remissiun des pecchiez; resurrectiun de charne; vie pardurable“. Hier ist das „sanctorum“ (der Heiligen) mit „seintes choses“ (der heiligen Sachen) übersetzt. Es geht also unzweifelhaft nicht um ein personales Verständnis, sondern um ein sächlich-sakramentales von Kirche.

 

Weiter bezeugt uns das Neue Testament: In allen drei synoptischen Evangelien setzt der Herr bei jenem letzten Mahl mit den 12 Jüngern die gesegneten Gaben von Brot und Wein gleich mit seinem Leib und Blut. Die Auffassung, Brot und Wein seien „nur“ Zeichen für einen Inhalt der im übertragenen Sinn zu verstehen sei und Brot bleibe „nur“ Brot und Wein „nur“ Wein ist nicht schriftgemäß.

 

Hinter dieser Umdeutung der Einsetzungsworte steht eine rationale Denkweise, die nur das für möglich hält, was Menschen aus ihrer Erfahrung kennen und sich vorstellen können. Es ist die uralte Versuchung, Gott den menschlichen Maßstäben zu unterwerfen. Wer sind wir, dass wir Menschen göttliches Handeln umdeuten und eine “Bedeutung“ zum Glaubensinhalt erheben? Das Neue Testament ist da viel wirklichkeitsnäher.

 

Insbesondere der Evangelist Johannes ist mit seiner Theologie ein machtvoller Zeuge für diese Wirklichkeitsnähe des göttlichen Wirkens. Schon in der Einleitung seines Evangeliums hat ein winziger Satz ein Welt erschütterndes Gewicht: „Der Logos ward Fleisch und wohnte unter uns ...“ (Joh 1,14). „Der Logos“ ist einer der höchsten und edelsten Begriffe der griechischen Philosophie. Dieser wird vom Evangelisten mit mutiger Unverfrorenheit als Ehrentitel für Christus okkupiert. Doch nicht genug damit: Er verbindet diesen hohen Wert mit dem tiefsten Unwert der griechischen Philosophie, mit dem „Fleisch“, dem Symbol für alles Verderbliche. Ziel dieser geradezu „blasphemischen“ Verbindungen ist, zu verkünden: Der unendliche Gott ist eingegangen in die endliche Gestalt eines Menschen.

 

Unter diesem Vorzeichen der Menschwerdung des Gottessohnes nicht im Mythos, sondern seines Kommens in die Geschichte in jenen Jahren in Palästina in diese und jene Städte können die Aussagen des Herrn in seiner Brotrede nicht mehr verwundern. Dort verkündet er nach der wundersamen Brotvermehrung: „Ich bin das Brot, das vom Himmel gekommen ist“. Auf den Einwand der Juden, er sei doch Josephs Sohn, sagt er: „Ich bin das lebendige Brot ...Wer davon isst, ...wird leben in Ewigkeit“. Auf erneuten Widerspruch der Juden erklärt er: „Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben“ (Joh 6,41ff.). Da im Johannesevangelium nirgends sonst von der Einsetzung des Herrnmahles die Rede ist, kann nur mit dieser Rede das Vermächtnis des Mahles seiner sakramentalen Gegenwart gemeint sein. Auch dieses bestätigt die Einheit des neutestamentlichen Abendmahlsverständnisses.

 

Priester Johannes R. Nothhaas

 

Quelle: http://www.orthpedia.de/index.php/Eucharistie

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar des Hl. Johannes Chrysostomus zum Apostel des Sonntages

 

 

 

(1 Kor 1, 10-18) – Text aus der elektronischen BKV

 

 

 

Nicht mit Rednerkunst, damit das Kreuz Christi nicht entkräftet werde.“ Nachdem er den Hochmuth Derjenigen, welche sich wegen des Taufens viel einbildeten, niedergeschlagen, kommt er nun an Diejenigen, die mit ihren Redekünsten prahlten, und gegen diese kämpft er nun deftiger an. Denn zu Denjenigen, die auf das Taufen stolz waren, sagt er: „Ich danke, daß ich Keinen getauft habe,“ und: „Christus hat mich nicht gesandt, um zu taufen.“ Er bedient sich keiner so kräftigen und strengbeweisenden Sprache, sondern deutet das Wenige, was er sagen wollte, nur im Vorübergeben an. Hier aber führt er gleich Anfangs einen gewaltigen Schlag, indem er sagt: „damit das Kreuz Christi nicht entkräftet werde.“ Was prahlst du nun mit einer Sache, deren du dich schämen solltest? Denn wenn diese Rednerkunst das Kreuz Christi bekriegt und die Evangelien bekämpft, so solltest du dich derselben nicht rühmen, sondern schämen. Das war nämlich der Grund, warum die Apostel keine Redekünstler waren, nicht als wäre die Gnade hierzu nicht mächtig gewesen, sondern damit das Predigtamt dadurch nicht geschädigt würde. Also nicht jene Redekünstler halfen dem Worte Gottes auf, sondern sie schadeten vielmehr; hingegen die Ungeübten verschafften ihm Aufnahme. Das war im Stande, ihren Stolz zu brechen, ihre Aufgeblasenheit zu dämpfen und sie zu lehren, bescheiden zu sein. Aber, heißt es, wenn nicht mit Rednerkunst, — warum sandten sie den gewandten Redner Apollo? Nicht weil sie auf die Kraft seiner Rede vertrauten, sondern, weil er sehr schriftkundig war und die Juden überwies. Übrigens ist ja nur davon die Rede, daß die vornehmsten und ersten Verkündiger des Wortes keine glänzenden Redner gewesen. Denn gerade diese waren es, welche großer Stärke bedurften, um gleich Anfangs den Irrthum zu stürzen; großer Kraft bedürfte es damals, um sich Eingang zu verschaffen.

 

Wenn also Gott, der beim Anfange keiner Gelehrten bedurfte, später geübte Redner sich wählte, so geschah Dieß nicht aus Bedürfnis, sondern weil es ihm einerlei war. Wie er aber zur Ausführung seines Planes keiner Sophisten bedurfte, so schloß er sie auch nicht aus, als sie sich fanden Du aber sollst mir zeigen, ob Petrus und Paulus geübte Redner gewesen; allein Das kannst du nicht; denn sie waren ungelehrt und unstudiert. Wie nun Christus, als er seine Jünger in die Welt aussandte, ihnen zuerst in Palästina seine Macht zeigte, indem er sprach: „Als ich euch ohne Beutel, ohne Reisetasche, ohne Schuhe ausgeschickt habe, hat euch Etwas gemangelt?“ Und wie er ihnen künftig Reisetasche und Beutel zu haben erlaubte, so machte er es auch hier. Denn hier handelte es sich darum, die Kraft Christi zu zeigen, nicht aber durch Weltweisheit Diejenigen, die da glauben wollten, abzuschrecken. Wenn daber die Heiden den Jüngern Unwissenheit vorwerfen, so können wir mit mehr Grund sie selbst beschuldigen. Niemand sage auch, Paulus sei ein Weltweiser gewesen; vielmehr wollen wir jene Männer, welche bei den Heiden als große Weise und hochgefeierte Redner gelten, erheben und sagen, die Unsrigen seien alle ungelehrt gewesen. Denn auch von dieser Seite werden wir über sie keinen geringen Vortheil gewinnen, denn so wird der Sieg ein glänzender sein.

 

Dieses habe ich gesagt, weil ich selbst einmal zugehört habe, wie ein Christ und ein Heide einen lächerlichen Wortstreit führten und eben Dasjenige bekämpften, was ihnen günstig war. Denn der Heide sagte, was der Christ hätte sagen sollen; und was zum Vortheil des Heiden war, Das brachte der Christ vor. Die Rede war von Paulus und von Platon; der Heide suchte zu beweisen, daß Paulus unwissend und ungelehrt gewesen sei; der Christ aber bemühte sich aus Einfalt zu zeigen, daß Paulus gelehrter, beredter gewesen. Wäre diese Behauptung richtig, so stände der Sieg auf Seite des Heiden; denn wofern Paulus den Platon an Beredsamkeit übertraf, so konnten Viele billig die Einwendung machen, er babe nicht durch Gottes Gnade, sondern durch Rednerkunst gesiegt. Also war Das, was der Christ behauptete, dem Heiden günstig; und was der Heide sagte, war zum Vortheil des Christen. Denn wenn Paulus ungelehrt war und dennoch den Platon übertraf, so war ja Dieß, wie gesagt, ein glänzender Sieg; denn dieser Ungelehrte überzeugte alle Anhänger Platon’s und zog sie an sich. Daraus erhellet, daß die Verkündigung des göttlichen Wortes nicht durch menschliche Weisheit, sondern durch die Gnade Gottes geschah. — Damit uns also nicht Dasselbe begegne, und damit wir uns durch dergleichen Dispute mit den Heiden nicht lächerlich machen, so wollen wir von den Aposteln gestehen, daß sie ungelehrt waren denn dieser Vorwurf ist Lob. Und wenn Jene sagen, die Apostel seien ungebildete Leute gewesen, so wollen wir noch hinzusetzen und sagen, sie seien unwissende, unstudierte, arme, niedrige und unberühmte Männer gewesen. Das gereicht den Aposteln nicht zur Schande, sondern zur Ehre, daß sie, da sie solche Männer waren, berühmter geworden sind als Alle auf dem ganzen Erdkreise. Denn diese Un-<s 48>wissenden, Ungebildeten und Ungelehrten haben die Weisen und die Mächtigen, die Tyrannen und die von Reichthum, Ehre und andern äussern Gütern Aufgeblasenen, als wären diese keine Männer gewesen, aus dem Felde geschlagen. Daher ist es offenbar, daß die Kraft des Kreuzes groß ist, und daß Dieses nicht durch menschliche Kraft geschehen konnte. Denn was geschah, war nicht natürlich, sondern es überstieg die Kräfte der Natur. Wo aber Etwas die Kräfte der Natur übersteigt und weit übertrifft und zugleich gut und nützlich ist, da ist es klar, daß Dieses durch göttliche Kraft und Mitwirkung geschieht. Erwäge einmal: der Fischer, der Zeltmacher, der Zöllner, der Unwissende, der Ungelehrte — sie kamen aus dem fernen Palästina, brachten die Philosophen und die gewandtesten Redner alle zum Weichen und überwanden sie in kurzer Zeit, ungeachtet der vielen Gefahren und des Widerstrebens der Völker und Könige, ungeachtet sie die Natur und das Alterthum zu bekämpfen hatten; ungeachtet ihnen die verjährte Gewohnheit mächtig entgegenstand; unbeachtet die Dämonen bewaffnet waren und der Teufel, zum Kampfe gerüstet, Alles aufbot, — Könige, Fürsten, Völker, Nationen, Städte, Barbaren, Griechen, Philosophen, Rhetoren, Sophisten, Geschichtschreiber, Gesetze, Gerichte, mannigfache Strafen, zahllose und vielgestaltige Todesarten. Dennoch ward Dieß alles durch die Predigt jener Fischer besiegt und zerstreut wie leichter Staub, der dem Sturmwinde nicht zu widerstehen vermag. Lernen wir also mit den Heiden so disputiren, daß wir nicht wie Rinder und Schafe erscheinen, sondern bereit seien, Rechenschaft von unserer Hoffnung zu geben. Einstweilen wollen wir über diesen nicht unwichtigen Punkt nachdenken und zu ihnen sprechen: Woher kam es, daß die Schwachen die Starken, die Zwölfe den ganzen Erdkreis besiegt haben, da sie doch nicht gleiche Waffen hatten, sondern wehrlos gegen Bewaffnete standen?

 

Denn sage mir, wenn zwölf des Krieges unkundige Männer, dazu noch wehrlos und schwächlichen Körpers, sich in ein zahlloses Heer von Bewaffneten stürzten und Nichts dabei litten; wenn sie von tausend Pfeilen getroffen dennoch nicht verwundet würden; wenn sie nacht und mit Geschoßen bedeckt, ohne Waffen, mit der bloßen Hand Alles vor sich hertrieben, und die Einen tödteten, die Andern gefangen nahmen, ohne selbst verwundet zu werden: wer würde behaupten, daß Dieß eine menschliche That sei? Und doch ist der Sieg der Apostel noch weit wunderbarer als Jenes. Denn daß Unwissende, Ungelehrte, Fischer eine solche Rednerweisheit überwanden, und daß weder ihre geringe Anzahl noch die Armuth, weder die Gefahren noch die herrschende Gewohnheit, weder die strengen Gebote, die sie gaben, noch die täglichen Todesgefahren, weder die Menge der Irregeführten, noch das Ansehen der Irreführenden sie verhindern konnten. Das ist weit wunderbarer, als daß ein Wehrloser ohne Wunden davon komme. So also wollen wir die Heiden bekämpfen und überwinden, aber mehr noch durch unsern Wandel als durch Worte laßt uns sie schlagen; denn das ist die große Art des Kampfes, das der unwiderlegliche Beweis, der Beweis der That; denn wenn wir auch noch so viel mit Worten philosophiren, in unserm Lebenswandel uns aber nicht besser zeigen als die Heiden, so werden wir Nichts gewinnen. Die Heiden achten nicht auf unsere Worte, sondern sie prüfen unsere Handlungen und sagen: Folge du zuerst deinen Worten, und dann ermähne Andere! Wenn du von tausend zukünftigen Gütern sprichst und doch so sehr an den irdischen haftest, als wären jene gar nicht vorhanden, so sind mir deine Handlungen glaubwürdiger als deine Worte. Denn wenn ich sehe, daß du fremdes Eigenthum raubst, daß du die Verstorbenen unmäßig betrauerst und viele andere Ungebührlichkeiten begehst: wie soll ich dir glauben, daß es eine Auferstehung gibt? Wenn sie Das auch nicht sagen, so denken sie es doch und bewahren es im Herzen; und Das hält die Ungläubigen vom Christenthum ab; suchen wir also sie durch unsern Lebenswandel anzuziehen! Auf diese Weise haben selbst viele Ungebildete die Spitzfindigkeiten <s 50> von Philosophen besiegt, indem sie durch ihre Handlungen ihre Weisheit an den Tag legten und sie durch ihren Tugendwandel lauter als eine Drommete verkündeten; denn Thaten sind stärker, als Worte. Wenn ich nämlich sage, man solle nicht Böses mit Bösem vergelten, und füge dann dem Heiden tausendfaches Unrecht zu: wie kann ich ihn da durch Worte gewinnen, während ich ihn durch meine Handlungen zurückstoße? Laßt uns also durch unsern Wandel die Heiden bekehren1 und aus diesen Seelen die Kirche aufbauen und solchen Reichthum sammeln! Nichts kommt an Werth einer Seele gleich, nicht einmal die ganze Welt. Wenn du den Armen auch zahllose Almosen spendest, so hast du noch nicht so viel gethan als Der, welcher eine einzige Seele bekehrt; „denn wer Edles vom Schlechten absondert, wird wie mein Mund sein.“2 heißt es. Es ist ist zwar etwas Großes, sich der Dürftigen erbarmen, aber nichts der Art, wie einen Menschen vom Irrthum befreien; denn wer Dieses thut, der wird dem Paulus, dem Petrus ähnlich. Wir können ihnen im Predigtamte nachfolgen, ohne uns in dieselben Gefahren zu wagen und Hunger und Elend und anderes Ungemach auszustehen, denn es ist jetzt eine ruhige Zeit; nur denselben Eifer der guten Gesinnung sollen wir zeigen. Wir können zu Hause sitzen und doch diesen Fischfang betreiben. Hat Jemand einen Freund, einen Verwandten, einen Hausgenossen, der rede, der handle so, und er wird dem Petrus und dem Paulus ähnlich sein; ja, was fasse ich, dem Petrus und Paulus ähnlich sein? er wird Christi Mund sein; „denn wer Edles vom Schlechten absondert, wird wie mein Mund sein,“ — heißt es. Und wenn du ihn heute nicht überredest, so wirst du ihn morgen überreden; und wenn du ihn gar nicht überreden kannst, so wirst du doch deinen Lohn vollkommen erhalten. Und wenn du auch nicht Alle gewinnst, so wirst du doch aus den Vielen Einige überreden können; denn auch die Apostel haben nicht Alle bekehrt, aber sie redeten zu Allen und wurden auch wegen Aller belohnt. Denn Gott pflegt die Kronen auszutheilen nicht nach dem Erfolge der guten Werke, sondern nach der guten Absicht, die man dabei hat. Hast du auch nur zwei Pfennige geopfert, so nimmt er sie an, und wie er es mit jener Wittwe machte, so verfährt er auch mit Denen, die da lehren. Da du also die ganze Welt nicht zu retten vermagst, so verschmähe die Wenigen nicht, und entziehe dich dem Kleinen nicht aus Verlangen nach dem Großen! Kannst du nicht für hundert sorgen, sorge für zehn, und kannst du nicht für zehn sorgen, so verschmähe nicht fünf; und kannst du nicht fünf gewinnen, so verachte auch Einen nicht; und kannst du auch den Einen nicht retten, so laß den Muth nicht sinken und es an deiner Mitwirkung nicht fehlen! Siehst du nicht, daß die Handelsleute bei ihrem Gewerbe nicht nur mit Gold, sondern auch mit Silber Geschäfte machen? Denn wenn wir das Kleine nicht verschmähen, so werden wir auch das Größere erlangen; vernachlässigen wir aber das Kleine, so werden wir selbst Dieses nicht leicht erhalten. So wird Jeder reich, der das Kleine und Große sammelt. So sollen es auch wir machen, damit wir reich an allen Gütern den Himmel erlangen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen und mit welchem dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar des Hl. Johannes Chrysostomus zum Evanngelium des Sonntages

 

 

 

(Mt 14, 14-22) – Text aus der elektronischen BKV

 

 

 

 

 

Mt 14, V. 13: "Als aber Jesus dies hörte, begab er sich in einem Schifflein von dort weg an einen einsamen, abgelegenen Ort. Und als die Leute dies erfuhren, folgten sie ihm zu Fuß aus allen Städten."

 

 

 

Sieh, wie der Herr sich jedesmal in die Einsamkeit begibt: als Johannes eingekerkert ward, als er enthauptet wurde, und als die Juden hörten, daß er nicht wenige zu seinen Schülern mache. Der Herr wollte eben für gewöhnlich so handeln, wie Menschen tun, da die Zeit noch nicht ge kommen war, seine Gottheit deutlich zu enthüllen. Darum befahl er auch den Jüngern, niemand zu sagen, daß er der Christus sei; erst nach der Auferstehung sollte dies seiner Absicht entsprechend deutlicher offenbar wer den. Darum war er auch gegen die Juden, die noch ungläubig blieben, nicht besonders hart, sondern sogar nachsichtig. Bei seinem Weggehen begab er sich aber nicht in eine Stadt, sondern in die Wüste, und zwar in einem Fahrzeuge, damit niemand ihm folgen könnte.

 

Du aber beachte, wie die Johannesjünger von da an enger an Jesus sich anschlossen. Sie waren es ja, die ihm den Tod des Johannes meldeten, sie verließen alles und flüchteten sich hinfort zu ihm. Dazu hat nebst dem unglücklichen Ereignis auch die Antwort nicht wenig beigetragen, die der Herr ihnen früher gegeben hatte. Warum zog sich aber Jesus nicht eher zurück, bevor sie ihm nicht diese Nachricht überbracht hatten, obgleich er ja das Vorgefallene schon wußte, bevor sie es ihm mitteilten? Er wollte eben durch alles die Wahrheit seiner Menschwerdung bezeugen. Nicht bloß durch den Anblick, sondern auch durch Taten wollte er zum Glauben an sie führen. Er wußte ja, wie schlecht der Teufel ist, und wie er alles aufbieten würde, um diesen Glauben zu vernichten. Das ist also der Grund, weshalb der Herr sich hinweg begibt. Die Menge des Volkes läßt aber auch so nicht von ihm ab; sie folgt ihm voll Anhänglichkeit, und auch das traurige Schicksal des Johannes schreckte sie nicht ab. Soviel vermag eben das sehnsüchtige Verlangen, so groß ist die Macht der Liebe: alle Schwierigkeiten besiegt und überwindet sie auf diese Weise. Deshalb wurden sie aber auch alsbald belohnt.

 

 

 

Denn, heißt es,

 

 

 

V.14: "Als Jesus hinausgegangen war, da sah er eine große Menge Volkes, und er empfand Mitleid mit ihnen, und er heilte ihre Kranken."

 

 

 

Wenn auch die Beharrlichkeit der Leute groß war, der Lohn, den sie vom göttlichen Heiland empfingen, überstieg dennoch all ihren Eifer. Darum, nennt auch der Evangelist als Ursache einer solchen Heilungstätigkeit das Mitleid, und zwar ein sehr starkes Mitleid: "und er heilte alle". Nicht einmal den Glauben verlangt hier der Herr. Daß sie nämlich zu ihm gekommen waren, daß sie die Städte verlassen hatten, daß sie ihn mit solchem Eifer aufsuchten und bei ihm ausharrten, obwohl sie der Hunger quälte, das alles bekundete ja ohnehin schon ihren Glauben. Der Herr will ihnen aber auch Nahrung verschaffen. Doch macht er nicht selbst den Anfang damit, sondern wartet, bis er gebeten wird; denn, wie ich schon sagte, er hält überall als Regel fest,. nicht eher Wunder zu wirken, als bis er gerufen ward. Warum ist aber niemand aus der Menge herausgetreten und hat für sie beim Herrn geredet? Weil die Leute eine übergroße Ehrfurcht vor ihm hatten und vor lauter Verlangen, ihm nahe zu sein, nicht einmal ihren Hunger verspürten. Aber auch die Jünger gingen nicht zu ihm und sagten: Gib ihnen zu essen; noch waren sie eben3 nicht vollkommen genug. Sie taten vielmehr was?

 

 

 

V.15: "Als es aber Abend geworden war, da traten die Jünger auf ihn zu und sagten; Der Ort hier ist öde und die Zeit ist schon abgelaufen; schick also die Leute fort, damit sie hingehen und sich zu essen kaufen."

 

 

 

Wenn die Jünger sogar nach diesem Wunder das Geschehene vergaßen und glaubten, als der Herr die Lehren der Pharisäer einen Sauerteig nannte, er rede von Broten, wie man sie in den Körben trägt, dann konnten sie um so weniger ein solches Geschehnis erwarten, noch bevor sie je ein so großes Wunder4 geschaut hatten. Und doch hatte der Herr eben zuvor viele Kranke geheilt; gleichwohl waren sie auch so nicht gefaßt auf das Wunder der Brotvermehrung; so schwach waren sie ebene damals noch im Glauben.

 

Du aber beachte, mit welcher Weisheit der Herr seine Jünger zum Glauben bringt. Er erwiderte nicht sofort: Ich gebe ihnen Nahrung; das hätten sie doch nicht leicht zu glauben vermocht. Noch betrachteten sie ihn eben als5 Menschen.6 Vielmehr antwortete er wie?

 

 

 

V.16: "Jesus aber sprach zu ihnen: Sie brauchen nicht fortzugehen; gebt ihr ihnen zu essen."

 

 

 

Er sagte nicht: Ich gebe ihnen, sondern: Gebt ihr. Sie aber vermögen sich auch jetzt noch zu keiner höheren Auffassung zu erschwingen, sondern fahren fort, mit ihm zu reden, als wäre er ein bloßer Mensch, und sagen:

 

 

 

V.17: "Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische."

 

 

 

Darum bemerkt auch Markus: "Sie verstanden nicht, was er sagte, denn noch war ihr Herz verhärtet"7. Weil sie also immer noch am Boden kriechen, so tritt endlich der Herr selber auf und sagt:

 

 

 

V.18: "Führt sie zu mir her."

 

 

 

Denn wenn auch der Ort öde ist, so ist doch derjenige zugegen, der dem ganzen Erdkreis Nahrung spendet. Wenn auch die Stunde vorüber ist, es redet derjenige mit euch, der keiner Zeit unterworfen ist. Johannes8 fügt hier noch hinzu, es habe sich um Gerstenbrote gehandelt; er erwähnt dies nicht ohne Grund, sondern um uns die Lehre zu geben, den Prunk eines üppigen Lebens zu verachten. So einfach war auch der Tisch des Propheten.

 

 

 

V.19: "Er nahm also die fünf Brote und die zwei Fische und befahl der Menge, sich auf das dürre Gras niederzulassen; dann blickte er zum Himmel, segnete und brach das Brot und verteilte es an seine Jünger, die Jünger aber9 an das Volk.

 

 

 

V.20: Und alle aßen und wurden satt; und sie nahmen die Überreste des Brotes: zwölf Körbe voll.

 

 

 

V.21: Die Zahl derer aber, die aßen, betrug ungefähr fünftausend, ungerechnet die Frauen und Kinder."

 

 

 

Warum blickte der Herr zum Himmel und segnete? Man sollte zuerst glauben, daß er vom Vater kommt und ihm gleich ist. Doch scheint ein Widerspruch zu bestehen in dem, was hierfür als Beweis dienen sollte. Seine Gleichheit mit dem Vater bewies der Umstand, daß er alles aus eigener Macht vollbrachte; daß er hingegen vom Vater stamme, das konnten sie wohl nicht anders erkennen, außer wenn er voll Demut alles ihm zuschrieb und ihn bei allem, was er tat, anrief. Darum hat er weder das eine noch der andere allein getan, um so beides zu erreichen; deshalb wirkt er seine Wunder bald aus eigener Macht, bald nach10 Gebet. Damit aber dann nicht doch wieder ein Widerspruch in seiner Handlungsweise vorzuliegen scheine, so blickt er bei kleineren Wundern zum Himmel auf, während er die größeren alle aus eigener Macht wirkt. Du sollst daraus ersehen, daß er auch bei den kleineren nicht etwa aus sonstigem Unvermögen so handelt, sondern um den Vater zu ehren. Wenn er also Sünden nachließ, das Paradies öffnete und den Räuber dort einführte, wenn er aus eigener Machtvollkommenheit das alte Gesetz aufhob, unzählige Tote auferweckte, dem Meere gebot, die geheimen Gedanken der Menschen tadelte, ein Auge heilte11 , lauter Dinge, die nur Gott und sonst niemand zu wirken vermag, da sehen wir ihn nie vorher beten; wo er aber Brot vermehrte, was ja viel leichter war als alles andere, da blickte er zuerst zum Himmel empor. Er will damit sowohl den vorher angegebenen Zweck erreichen, als auch uns die Lehre geben, nicht eher die Mahlzeit zu beginnen, bevor wir nicht demjenigen unseren Dank dargebracht haben, der uns diese Nahrung spendet.

 

Warum aber hat der Herr die Brote nicht aus Nichts erschaffen? Um den Marcion und die Manichäer zu widerlegen, die über seine Schöpfung falsche Lehren verbreiteten, und um uns auch durch die Tatsachen selbst zu überzeugen, daß alles Sichtbare sein Werk und seine Schöpfung ist, und uns endlich zu zeigen, daß er selbst derjenige ist, der die Früchte spendet, und der im Anfang sprach: "Es sprosse die Erde die Pflanze des Grases her vor", und: "Die Wasser sollen kriechende Lebewesen hervorbringen"12. Das war ja nichts Geringeres als das andere. Denn wenn auch diese Dinge erschaffen wurden, nachdem sie vorher nicht waren, so entstanden sie doch wenigstens aus Wasser. Es ist aber gewiß nichts Geringeres, aus fünf Broten so viele Brote zu machen und ebenso aus den Fischen, als Frucht aus der Erde hervorzubringen und kriechende Lebewesen aus dem Wasser. Das war eben eine Beweis, daß der er Herr über Erde und Meer ist. Seine Wunder wirkte er ja sonst immer nur an Kranken; deshalb hat er hier eines gewirkt, das dem ganzen Volk zugute kam, damit eben die Leute nicht immer bloß Zuschauer dessen wären, was für andere geschah, sondern auch selbst einmal die Wirkung dieser Gabe verspürten. Das, was die Juden in Anbetracht der Wüste für ein Wunder hielten, indem sie sagten: "Kann er vielleicht auch Brot geben, oder den Tisch bereiten in der Wüste?"13 gerade das hat der Herr durch die Tat erwiesen. Darum führt er sie auch in die Wüste, damit über die Wirklichkeit des Wunders auch nicht der geringste Zweifel bestehen könnte, und keiner glaubt, man habe aus irgendeinem nahen Dorf die notwendige Nahrung herbei gebracht. Aus demselben Grunde erwähnt der Evangelist auch die Zeit, nicht bloß den Ort.

 

Noch etwas anderes ersehen wir aus dem Bericht, nämlich, welchen Eifer die Jünger für das14 Notwendige zeigten, und wie wenig sie an Nahrung dachten. Denn obgleich sie zwölf waren, hatten sie doch bloß fünf Brote und zwei Fische. So nebensächlich waren ihnen die leiblichen Bedürfnisse, und so sehr war ihre ganze Aufmerksamkeit nur auf das Geistige gerichtet. Ja selbst an dem Wenigen hingen sie nicht, sondern gaben auch das her, als man sie darum bat. Daraus sollen wir die Lehre ziehen, auch unseren geringen Besitz mit den Armen zu teilen. Als ihnen der Herr befahl, die fünf Brote herbeizubringen, da sagten sie nicht: Und womit werden wir uns nähren? womit werden wir unseren Hunger stillen? Nein, sie gehorchten ohne Zögern. Außerdem, glaube ich aber, hat der Herr dieses Wunder auch deshalb an schon vorhandener Materie gewirkt,um die Leute zum Glauben zu bringen; noch waren sie eben hierin sehr schwach. Darum blickt er auch zum Himmel empor. Für andere Wundertaten hatte sie ja schon viele Beispiele; für dieses aber noch keines.

 

Der Herr nahm also15, brach sie und verteilte sie durch seine Jünger, wodurch er auch diese ehrte. Aber nicht bloß ehren wollte er sie; er tat es auch in der Absicht, daß, wenn das Wunder geschähe, sie nicht ungläubig blieben, und, wenn es geschehen und vorüber wäre, sie es nicht vergäßen, indem ja das, was sie in Händen hielten, ihnen zum Zeugnis diente. Darum läßt er es auch zu, daß das Volk zuerst Hunger empfinde, und wartete, bis zuvor die Jünger mit ihrer Bitte an ihn herantreten, läßt durch sie das Volk einladen, sich zu setzen, und nimmt mit ihrer Hilfe die Verteilung vor; er will eben beide Teile durch ihre eigenen Eingeständnisse und Handlungen schon im vorhinein festlegen. Deshalb nimmt er auch von ihnen die Brote, damit viele Zeugen für das Wunder da wären und sie eine dauernde Erinnerung an dasselbe hätten. Denn wenn sie das Vorkommnis trotz all dem wieder vergaßen, was wäre dann nicht erst geschehen, wenn er nicht wenigstens diese Vorsichtsmaßregeln getroffen hätte? Sich auf das Gras niederzulassen befahl er ihnen aber deshalb, weil er das Volk lehren wollte, sich mir dem Einfachsten zu begnügen16. Er wollte eben nicht bloß den Leib nähren, sondern auch die Seele belehren.

 

Also durch den Ort, sowie dadurch, daß er nicht mehr bietet als Brot und Fisch, daß er allen dasselbe gibt und allen gemeinsam verteilt, und keinem mehr zukommen läßt als dem anderen, durch all das lehrt er sie Demut, Enthaltsamkeit, Liebe, gleichmäßige Behandlung aller, sowie das Bewußtsein, daß alles gemeinsam sei. "Und er brach das Brot und gab es den Jüngern, und die Jünger gaben es dem Volke." Die fünf Brote brach er und verteilte sie, und die fünfe vermehrten sich in den Händen der Jünger. Aber selbst hiermit ist das Wunder noch nicht abgeschlossen; der Herr machte, daß auch noch vieles übrig blieb, und zwar nicht ganze Brote, sondern Brotstücke. Er will eben zeigen, daß diese Überreste wirklich von den fünf Broten stammen, und dies in der Absicht, daß sie das Geschehene auch den Anwesenden mitteilten. Darum ließ er zuerst das Volk Hunger leiden, damit niemand sage, das Ganze sei nur Einbildung gewesen. Deshalb machte er auch, daß gerade zwölf Körbe voll übrig blieben, damit auch Judas einen zu tragen bekäme. Er hätte ja auch den Hunger einfach verschwinden lassen können; dann hätten aber die Jünger seine höhere Macht wohl kaum erkannt, da ja dies auch bei Elias geschehen war17. Auf diese Weise setzte er also die Juden in solches Erstaunen, daß sie ihn sogar zum König machen wollten, was sie doch sonst bei keiner anderen Wundertat versuchten.

 

Wer könnte also mit Worten erklären, wie die Brote sich vermehrten? Wie sie mitten in der Wüste immer mehr zunahmen? Wie sie für so viele ausreichten? Es waren ja fünftausend Menschen da, ungerechnet die Frauen und Kinder. Aber gerade das gereicht den Leuten zur höchsten Ehre, daß sogar Frauen und Kinder dem Herrn anhingen.18 woher die Überreste kamen? Denn diese waren ja nicht geringer, als was im Anfang vorhanden war; und wie sie so zahlreich werden konnten, daß die Zahl der Körbe gerade derjenigen der Jünger gleichkam, keiner mehr und keiner weniger? Der Herr nahm also das gebrochene Brot und gab es nicht den Leuten, sondern den Jüngern, weil eben das Volk noch schwächer im Glauben war als die Jünger.

 

 

 

Nachdem aber das Zeichen geschehen war,

 

 

 

V.22: "Da nötigte er alsbald die Jünger, in das Schiff zu steigen und ihn an das andere Ufer zu führen, bevor er die Volksscharen entließ."

 

 

 

Denn wenn auch einer, solange er anwesend war, auf den Gedanken kommen konnte, es sei nur Einbildung und nicht Wirklichkeit, was er getan, so war dies doch unmöglich, nachdem er fortgegangen war. Darum überläßt er das Geschehene einer genauen Prüfung und gibt Befehl, daß diejenigen von ihm entfernt werden, die die Grundlage und den Beweis für seine Wunderzeichen in Händen hatten. Auch bei anderen Gelegenheiten, wo er etwas Großes tut, entfernt er sich vom Volk und den Jüngern, um uns zu zeigen, nirgends den Ruhm der Öffentlichkeit zu suchen, und nicht die Menge an uns zu ziehen. Wenn aber der Evangelist sagt: "Er nötigte", so bekundet er damit nur die große Hingebung der Jünger19 . Auch schickte er die Jünger fort wegen des Volkes; er selbst aber wollte auf den Berg hinaufgehen. Auch das hat er wieder getan, um uns die Lehre zu geben, uns weder beständig unter dem Volk aufzuhalten, noch immerfort das Volk zu meiden, sondern beides in zukömmlicher Weise zu tun, und mit beidem in entsprechendem Maße abzuwechseln.

 

Lernen also auch wir, Jesus mit Eifer anzuhängen, aber nicht, um sinnfällige Wohltaten zu empfangen, damit wir nicht denselben Tadel verdienen wie die Juden. Denn, sagt der Herr: "Ihr suchet mich, nicht weil ihr Wunderzeichen geschaut habt, sondern weil ihr von den Broten aßest und satt wurdet"20. Darum wirkte er auch dieses Wunder nicht immer, sondern nur zweimal, um sie zu lehren, nicht dem Bauche zu dienen, sondern stets den geistigen Dingen obzuliegen. Diesen wollen also auch wir uns widmen, wollen dem himmlischen Brote nachgehen, und wenn wir es erhalten, alle irdische Sorge von uns werfen. Wenn jene21 ihre Häuser, ihre Städte, ihre Verwandten und alles verließen und sich in der Wüste aufhielten, und trotz des Hungers, der sie quälte, nicht fortgingen, dann müssen um so mehr wir, die wir uns einem so erhabenen Tische nähern, noch weit größeren Eifer zeigen, die geistigen Dinge lieben und die materiellen erst nach diesen suchen. Auch jene wurden ja getadelt, nicht weil sie den Herrn des Brotes wegen suchten, sondern weil sie ihn nur deshalb suchten, und in erster Linie deshalb. Wenn jemand die großen Gaben verachtet und sich dafür an die kleinen hängt, die er nach der Absicht des Gebers verachten sollte, so verliert er auch diese. Wenn wir dagegen jene lieben, so gibt er uns auch die anderen dazu. Diese sind nämlich nur eine Zugabe zu jenen; so wertlos und gering sind sie im Vergleich zu jenen, wenn sie auch sonst groß sind.

 

Jagen wir also nicht diesen zeitlichen Dingen nach, sondern halten wir deren Besitz oder Verlust für etwas ganz Gleichgültiges, wie ja auch Job sich nicht an sie hing, solange er sie besaß, und ihnen nicht nachjagte, nachdem er sie verloren. Denn Besitz22 heißen diese Dinge nicht deshalb, damit wir sie vergraben, sondern damit wir sie in der rechten Weise besitzen. Und wie bei den Handwerkern jeder seine besonderen Kenntnisse hat, so versteht auch der Reiche zwar nicht das Schmiedehandwerk, nicht den Schiffsbau, nicht die Webekunst, nicht das Bauhandwerk, auch sonst nichts von all dem; dafür aber soll er lernen, den Reichtum, gut zu gebrauchen und mit den Dürftigen Mitleid zu haben; dann wird er eine Kunst verstehen, die alle anderen übertrifft.

 

Diese Kunst steht ja höher als alle anderen. Ihre Werkstätte ist im Himmel errichtet worden. Werkzeuge sind nicht aus Eisen und Erz gemacht, sondern bestehen aus Güte und rechter Gesinnung. Diese Kunst hat Christus und seinen23 Vater zum Lehrmeister. Denn, sagt der Heiland, "seid barmherzig, wie euer Vater, der im Himmel ist"24 . Das Wunderbare daran ist aber das, daß sie trotz ihrer Erhabenheit über die anderen Künste, keiner Mühe und keiner Zeit bedarf zu ihrer Betätigung; es genügt, zu wollen, und alles ist getan. Beachten wir aber auch, welches ihr Endzweck ist? Welches ist also ihr Endzweck? Himmel, die himmlischen Güter, jene unaussprechliche Herrlichkeit, die geistigen Brautgemächer,die glänzenden Lichter, der Umgang mit dem Bräutigam, alles andere, das weder die Zunge noch der Verstand darzulegen vermag. Also auch nach dieser Seite hin besteht ein großer Unterschied zwischen dieser Kunst und den anderen. Die meisten Künste nützen uns ja nur für das irdische Leben; die se aber auch für das zukünftige. Wenn aber schon die Künste, die wir für dieses Leben brauchen, so verschieden untereinander sind, wie z.B. die Kunst des Arztes und die des Baumeisters und alle anderen dieser Art, so gilt dies noch vielmehr von denen, die man bei genauem Zusehen gar nicht einmal als Künste bezeichnen kann. Darum möchte auch ich die anderen, unnötigen Beschäftigungen gar nicht einmal Künste nennen. Oder welchen Nutzen haben für uns die25 Kochkunst und die Herstellung von Leckerbissen? Gar keinen. Im Gegenteil, sie sind sogar sehr nachteilig und schädlich und verderben Leib und Seele, weil durch sie die Schwelgerei ihren festlichen Einzug hält, diese Mutter aller Krankheiten und Leiden. Aber nicht bloß diese, sondern selbst die Malerei und Stickerei möchte ich nicht eigentlich Künste nennen; denn sie stürzen uns nur in unnötige Auslagen.26 Die wahren Künste hingegen müssen uns das, was zum Unterhalt unseres Lebens notwendig ist, besorgen und verschaffen. Darum hat uns ja auch Gott die Weisheit gegeben, damit wir Mittel und Wege finden, um unser Leben zu erhalten. Welchen Nutzen haben wir aber davon, sag mir, wenn wir an den Wänden oder auf den Kleidern Tiergestalten anbringen? Darum müßte man auch bei der Kunst der Schuhmacher und Weber gar manches Überflüsssige verbieten. Denn sie haben meistens schon zu Auswüchsen geführt, haben das, was wirklich notwendig ist,27 verkehrt, und zur Kunst die Künstelei gefügt. Dasselbe ist auch bei der Baukunst der Fall. Solange sie nur Häuser und keine Theater errichtet, also das Notwendige und nicht das Überflüssige schafft, solange nenne ich sie auch eine Kunst. Ebenso bezeichne ich die Weberei als Kunst, solange sie nur Kleider und Mäntel erzeugt, nicht aber Spinnen nachahmt und damit viel Gelächter und großen Stumpfsinn weckt. Auch dem Schumacherhandwerk nehme ich den Namen Kunst nicht, solange es nur Schuhe erzeugt. Wenn es aber die Männer zu Weibern macht und sie mit ihren Schuhen verweichlicht und verzärtelt, dann rechne ich es zu den schädlichen und überflüssigen Dingen und spreche ihm überhaupt den Namen Kunst ab.

 

Ich weiß wohl, daß ich vielen als kleinlich erscheine, wenn ich mich um solche Dinge kümmere; deshalb werde ich aber keineswegs davon abstehen. Die Ursache alles Unheils liegt ja gerade darin, daß viele diese Sünden für klein halten und sie deshalb gar nicht beachten. Ja, sagt man mir da, könnte es einen geringfügigeren Fehler geben, als einen schön geschmückten, glänzenden Schuh zu tragen, der auch dem Fuße angepaßt ist, wenn man das überhaupt einen Fehler nennen will? Soll ich also diesem Einwand ein Kapitel widmen und euch zeigen, wie groß dieser Unfug ist? Und ihr werdet deshalb nicht ungehalten sein? Nun, wenn ihr auch ungehalten seid, ich mache mir darüber keine großen Sorgen. Ihr selbst seid ja schuld an dieser Torheit, die ihr nicht einmal für eine Sünde haltet, weil ihr uns damit zwingt, solch törichte Eitelkeit zu brandmarken.

 

Wir wollen also die Sache einmal näher prüfen und sehen, was für ein Unheil sie ist. Wenn ihr Seidenbänder, die man nicht einmal für Kleider verwenden soll, sogar bei den Schuhen verwendet, verdient ihr da nicht vollauf, daß man darüber spottet und lacht? Wenn du aber meine Ansicht verachtest, so höre wenigstens auf die Worte des hl. Paulus, der dies ganz nachdrücklich verbietet; dann wirst du schon merken, wie lächerlich es ist. Was sagt also der Apostel? "Nicht mit Haargeflechten, mit Gold oder Perlen oder kostbarer Gewandung28 "29. Welche Nachsicht verdientest du also, wenn der hl. Paulus deiner Gattin nicht einmal kostbare Gewänder erlauben will, und du diese eitle Torheit sogar auf die Schuhe ausdehnst, und dir tausenfache Mühe gibst um einer so lächerlichen, schimpflichen Sache willen? Dafür wird ja ein ganzes Schiff ausgerüstet, werden Ruderer gemietet mit einem Unter- und Obersteuermann, wird das Segel gespannt und das Meer durchfuhren, dafür verlässt der Kaufmann Weib und Kind und Heimat, und vertraut sein eigenes Leben den Wogen an, zieht in Barbarenländer und besteht tausenderlei Gefahren, nur wegen dieser Seidenbänder, damit du sie nach all dem nehmen und auf deinen Schuhen anbringen und das Leder damit zieren könnest. Was gäbe es doch Schlimmeres als solch eine Torheit? Das war in alten Zeiten nicht so; da hatte man Schuhe, die sich für Männer schickten. Jetzt aber bin ich darauf gefaßt, daß unsere jungen Leute im Laufe der Zeit sogar noch Weiberschuhe anziehen ohne sich zu schämen. Das Traurigste dabei ist, daß sogar die Väter dies mit ansehen ohne unwillig zu werden, ja es im Gegenteil für eine ganz unschuldige Sache halten.

 

Und soll ich auch das sagen, was die Sache noch schlimmer macht, daß nämlich so etwas geschieht, wo es doch so viele Arme gibt? Soll ich euch Christus vor Augen stellen, wie er hungert und seiner Kleider beraubt ist, wie er überall umherirrt und mit Banden gefesselt ist? Wie viele Blitzstrahlen würdet ihr nicht verdienen, wenn er ihn, der sich vor Hunger nicht zu helfen weiß, mißachtet und dafür solche Sorgfalt auf den Schmuck des Schuhleders verwendet? Als der Herr den Jüngern seine Satzungen gab, da erlaubte er ihnen nicht einmal, überhaupt Schuhe zu tragen; wir dagegen wollen nicht nur nicht barfüßig gehen, sondern nicht einmal solche Schuhe tragen, wie es sich gehört. Was gäbe es also Schlimmeres, was Lächerlicheres als solch eine Verunzierung? So etwas tut ja nur ein verweichlichter, gefühlloser, roher, zimperlicher Mensch, der nichts Rechtes zu tun hat.Oder wie könnte sich einer jemals mit etwas Notwendigem und Nützlichem abgeben, der seine Zeit mit solch überflüssigen Dingen vergeudet? Wie wäre ein solcher Jüngling imstande, sich um seine Seele zu kümmern, oder überhaupt daran zu denken, daß er eine Seele hat? Der wird ja notwendig ein erbärmlicher Wicht sein, wer solche Dinge bewundern muß, und roh, wer um solcher Sachen willen die Armen vernachlässigt, und aller Tugend bar, wer seine ganze Aufmerksamkeit solchen Gegenständen widmet. Wer sich für den Glanz von Seidenbändern, die Pracht der Farben und das Efeu-geranke derartiger Gewebe interessiert, wann soll der zum Himmel aufblicken können? Wann soll derjenige die himmlische Schönheit bewundern, den es nach der Schönheit von Leder gelüstet und der also am Boden kriecht?

 

Gott hat den Himmel ausgebreitet und die Sonne angezündet, um deinen Blick nach oben zu lenken; du aber zwingst dich gleich den Schweinen, zur Erde zu sehen, und bist dem Teufel gehorsam. Er ist es ja, der böse Dämon, der diese Schamlosigkeit ersonnen hat, um dich von jener Schönheit abzuziehen. Darum hat er dich zu solchen Dingen hingezogen, darum wird Gott, der dir den Himmel zeigt, gleichsam besiegt vom Teufel, der dir Häute zeigt, oder vielmehr nicht einmal Häute, denn auch sie sind ja Werke Gottes, sondern unnötigen Luxus und übertriebene Künstelei. So geht der Jüngling mit dem Blick zur Erde gesenkt, der eigentlich das Himmlische betrachten sollte, und er bildet sich mehr auf diese Eitelkeiten ein, als wenn er eine große Tat vollbracht hätte, stolziert auf offenem Markte umher und macht sich selber ganz unnötig Sorgen und Kummer, es könnten seine Schuhe mit Kot beschmutzt werden, wenn es Winter, oder sie könnten mit Staub bedeckt werden, wenn es Sommer ist.

 

Was sagst du da, o Mensch? Deine ganze Seele hast du in den Schmutz geworfen um solch einer Torheit willen und merkst nicht, wie sie auf dem Boden herumgezogen wird; für deine Schuhe dagegen bist du so ängstlich besorgt! Lerne sie doch recht gebrauchen und schäme dich, daß du so große Achtung vor ihnen hast! Die Schuhe sind ja dafür da, daß sie mit Kot und Schmutz in Berührung kommen und mit jedem Unrat, der auf dem Boden liegt. Wenn dir aber das nicht gefällt, so ziehe sie aus und hänge sie dir um den Hals oder lege sie auf den Kopf.

 

Ihr lacht bei diesen Worten; ich aber möchte lieber weinen über die Torheit dieser Leute und den Eifer, den sie solchen Dingen widmen. Die würden ja lieber ihren eigenen Leib mit Kot beschmutzen als ihre Schuhe. So zimperlich wurden sie also, und dazu auch noch habsüchtig. Wer nämlich gewohnt ist, nach solchen Dingen gierig zu verlangen, der braucht auch für Kleider und alles andere viel Geld und große Einkünfte. Hat er nun einen ehrgeizigen Vater, so wird er noch mehr in seinen Fehler verstrickt und seine törichte Leidenschaft wird noch gesteigert. Ist sein Vater dagegen knauserig, so sieht er sich noch zu anderen Schamlosigkeiten gezwungen, um das Geld für derartige Auslagen zusammenzubringen. Aus diesem Grund haben schon manche junge Leute ihre Jugendblüte weggeworfen, sind zu Schmarotzern der Reichen geworden und haben sich noch anderen Sklavendiensten unterworfen, um sich damit die Befriedigung derartiger Leidenschaften zu erkaufen. Daraus ergibt sich, daß ein solcher Jüngling so zu gleicher Zeit geldgierig und erbärmlich sein wird und in den notwendigen Dingen vollkommen gleichgültig, ja daß er notgedrungen viele Sünden begehen wird; daß er aber auch zugleich hartherzig und ehrgeizig sein wird, das dürfte wohl auch niemand bestreiten. Hartherzig, weil er vor lauter Sucht nach eitlem Tand beim Anblick eines Armen tut, als sehe er ihn nicht, sondern seine Kleider und Schuhe mit Gold schmückt, um den Armen aber, der vor Hunger stirbt, sich nicht kümmert. Ehrgeizig aber wird er, weil er sich angewöhnt, auch in den kleinen Dingen dem Lobe der Zuschauer nachzujagen. Ich glaube nicht, daß ein Feldherr auf seine Armee und seine Siegestrophäen sich soviel einbildet, als diese weltlich gesinnten Jünglinge auf den Schmuck ihrer Schuhe, auf ihre Schleppkleider und die Locken ihres Hauptes; und doch haben all das fremde Künstler gemacht. Wenn sie es aber schon nicht lassen können, auf fremde Dinge stolz zu sein, wie werden sie auf ihre eigenen Vorzüge nicht stolz sein wollen? Soll ich noch andere, schlimmere Dinge erwähnen, oder genügt uns das? Nun, so muß ich damit meine Rede beenden, denn ich habe all das wegen derjenigen gesagt, die da in ihrem Ehrgeiz behaupten, es seien diese Dinge durchaus keine Torheit. Ich weiß auch, daß viele Jünglinge meinen Worten kein Gehör schenken werden, nachdem sie doch schon einmal von der Leidenschaft trunken sind. Deshalb durfte ich aber gleichwohl nicht schweigen. Die Väter, die noch einsichtig sind und gesunde Grundsätze haben, werden schon imstande sein, sie zu entsprechendem, anständigen Verhalten anzuleiten. Sage also nicht: Es liegt ja nichts an diesem oder jenem; denn das, gerade das hat ja das ganze Unheil verschuldet. Auch hierin müßte man eben die Knaben unterrichten und sie lehren, auch in scheinbar geringen Dingen würdevoll, edel und besser zu sein, als zu scheinen; dann würde man sie auch in wichtigen Dingen tadellos finden. Oder was gibt es Unscheinbareres als das Erlernen der Buchstaben? Und doch bringt das die Rhetoren, Sophisten und Philosophen hervor; und wenn sie das erste nicht verstehen, werden sie auch das andere nicht erlernen.

 

Das alles habe ich aber nicht bloß für die Jünglinge, sondern auch für die Frauen und Mädchen gesagt. Denn auch sie verdienen in dieser Beziehung Tadel, und zwar um so mehr, weil sich gesittetes Benehmen für eine Jungfrau noch weit eher geziemt. Denket also, was ich von den Jünglingen sagte, das sei auch von euch gesagt, damit ich nicht zweimal dasselbe zu wiederholen brauche. Doch es ist jetzt Zeit, die Rede mit Gebet zu schließen. Betet also alle mit mir, damit die Jugend, besonders die, welche zur hl. Kirche gehört, die Gnade erlange, anständig zu leben und ein ehrenvolles Alter zu erreichen. Wer aber nicht so lebt, für den ist es auch nicht gut, daß er das Greisenalter erreicht. Für jene dagegen, die schon in ihrer Jugend so weise leben wie Greise, für die bete ich, daß sie das höchste Alter erreichen mögen, Väter von wohlerzogenen Kindern werden, die ihren Eltern und vor allem Gott, der sie erschaffen hat, Freude machen, daß jede Krankheit ihnen fern bleibe, und zwar nicht bloß die Krankheit wegen der Schuhe und Kleider, sondern auch alle anderen. Denn wie ein brachliegender Acker, so ist die Jugend, die vernachlässigt wird; sie wird überall nur Dornen hervorbringen.

 

Entzünden wir also das Feuer des Hl.Geistes und verbrennen wir darin diese schlechten Leidenschaften! Machen wir das Ackerfeld neu30 und bereit, den31 Samen aufzunehmen, und zeigen wir, daß unsere christliche Jugend ein weiseres Leben führt, als anderswo die Greise. Darin liegt ja gerade das Staunenswerte, daß schon die Jugend durch Sittsamkeit hervorragt, während die Sittsamkeit im Alter nicht mehr besonders verdienstlich ist, weil eben da die Zahl der Jahre ihren sicheren Schutzwall bildet. Wunderbar dagegen ist es, wenn man inmitten des Sturmes innere Ruhe genießt, mitten im Feuerofen nicht verbrannt wird und trotz der Jugend sich keinen Ausschweifungen hingibt.

 

Das alles wollen wir also erwägen und wollen jenem glückseligen32 Joseph nacheifern, den all diese Tugenden auszeichneten, damit auch wir dieselben Siegeskränze erlangen wie er. Dieser Siegeskränze mögen wir alle teilhaft werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem die Ehre gebührt mit dem Vater und dem Hl. Geiste, jetzt und immer und in alle Ewigkeit. Amen!

 

 

 

1Θηρεύσωμεν αὐτούς — auf sie Jagd machen.

 

2Jerem. 15, 19.

 

3im Glauben

 

4wie die Brotvermehrung

 

5bloßen

 

6Dieser Satz gehört dem Sinn und Zusammenhang nach hierher. Im Griechischen ist er offenmbar verstellt

 

7Mk 8,17

 

8Joh 6,9

 

9verteilten es

 

10vorausgegangenem

 

11edämiourgäse eigentlich = erschuf

 

12Gen 1,11 u.20

 

13Ps 77,20

 

14zum Heile

 

15die Brote

 

16philosophein= zu philosophieren, wohl nach Art der Stoiker, aber in höherem Sinn

 

173 Kön 17,916

 

18Wer könnte erklären,

 

19an den Herrn

 

20Joh 6,26

 

21Juden

 

22das griech. Wortspiel chrämata ... chräsometha läßt sich deutsch nicht gut wiedergeben

 

23himmlischen

 

24Lk 6,36

 

25verfeinerte

 

26Der hl.Chrysostomus will hier offenbar nicht diese Künste an sich verwerfen, sondern nur als Moralist deren mögliche Auswüchse bekämpfen

 

27in Luxus

 

28sollen die Frauen sich schmücken

 

291 Tim 2,9

 

30vgl.Jer 4,3

 

31guten

 

32ägyptischen

 

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8. Sonntag nach Pfingsten
8. Sonntag nach Pfingsten_ Von der eucha
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Am Sonntag, den 23.07.2017 (10.07.2017 nach altem Kalender), feiern wir das Fest des Heiligen Mönchsvaters Antonius vom kiewer Höhlenklosters, des Begründers des Mönchtumes in Russland.

Außerdem feiern wir noch den 7. Sonntag nach Pfingsten.

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Heiliger Mönchsvater Antonius vom kiewer Höhlenkloster
Der Hl. Antonios vom Kiever Höhlenkloste
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7. Sonntag nach Pfingsten:

 

 

 

Von der Heilung zweier Blinder und eines besessenen Stummen

 

 

 

 

 

 

Apostel des Sonntags:

 

 

 

Brüder, wir aber, die Starken, sind verpflichtet, die Schwachheiten der Kraftlosen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen. Jeder von uns gefalle dem Nächsten zum Guten, zur Erbauung. Denn auch der Christus hat nicht sich selbst gefallen, sondern wie geschrieben steht: "Die Lästerungen derjenigen, die dich lästern, sind auf mich gefallen." Denn alles, was früher geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben. Der Gott der Geduld und des Trosts aber gebe euch, gleichgesinnt zu sein untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht. Deshalb nehmt einander auf, wie auch der Christus euch auf-genommen hat, zu Gottes Herrlichkeit! Röm 15, 1-7

 

 

 

Evangelium des Sonntags:

 

 

 

Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien und sprachen: Erbarme dich unser, Sohn Davids! Als er aber in das Haus gekommen war, traten die Blinden zu ihm; und Jesus spricht zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie sagen zu ihm: Ja, Herr. Dann rührte er ihre Augen an und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben! Und ihre Augen wurden geöffnet; und Jesus bedrohte sie und sprach: Seht zu, niemand soll es erfahren! Sie aber gingen hinaus und machten ihn bekannt in jener ganzen Gegend. Als sie aber weggingen, siehe, da brachten sie einen stummen Menschen zu ihm, der besessen war. Und als der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und die Volksmengen wunderten sich und sprachen: Niemals wurde so etwas in Israel gesehen. Die Pharisäer aber sagten: Er treibt die Dämonen aus durch den Fürsten der Dämonen. Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Königreiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen. Mt 9, 27-35

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar des Hl. Johannes Chrysostomus zum Apostel des Sonntags (Text aus der elektronischen BKV)

 

 

 

 

 

Röm 15, Kap. XV, V. 1. „Wir, die Starken, sind schuldig.“

 

 

 

Wir sind es schuldig, es steht nicht in unserem Belieben. Was sind wir schuldig?

 

die Schwächen der Schwachen mit Geduld zu ertragen.“

 

 

 

Siehst du, wie der Apostel seine Zuhörer durch Lob erhebt, indem er sie nicht bloß „die Starken“ nennt, sondern auch mit sich selbst auf dieselbe Stufe stellt? Aber nicht allein dadurch, sondern auch durch den Hinweis auf den eigenen Vorteil sucht er sie dafür zu gewinnen und ihnen die Sache annehmbar erscheinen zu lassen. Du bist ja, will er sagen, der Starke, und es bringt dir keinen Schaden, wenn du dich herabläßt; der andere aber kommt in die äußerste Gefahr, wenn er nicht mit Geduld ertragen wird. Der Apostel sagt auch nicht: „die Schwachen“, sondern: „die Schwächen der Schwachen“. Damit will er den Starken zum Mitleid stimmen und dasselbe in ihm wachrufen. So sagt er anderswo: „Ihr, die ihr Geistesmenschen seid, bringt einen solchen wieder zurecht“1. Du bist ein Starker geworden? Nun, so vergilt Gott, der dich dazu gemacht hat! Denn auch wir waren Schwache, aber unter der Einwirkung der Gnade sind wir Starke geworden. Das sollen wir übrigens nicht bloß hier tun, sondern auch gegenüber solchen, die in anderer Beziehung schwach sind. Wenn z. B. einer jähzornig ist oder ein loses Maul hat oder an irgendeinem andern Fehler leidet, ertrage ihn mit Geduld! Wie kann das geschehen? Höre, was folgt! Nach den Worten: „Wir sind schuldig, mit Geduld zu ertragen“, fährt er fort: V. 2: „ … und nicht selbstgefällig zu sein. Jeder von euch sei seinem Nächsten gefällig zum (allgemeinen) Guten, zur Erbauung.“

 

Der Sinn dieser Worte ist folgender: Du bist ein Starker? Dann erhalte eine Probe deiner Stärke der Schwache! Er soll deine Stärke kennen lernen; ihm sei gefällig! Es heißt auch nicht einfach: „sei gefällig“, sondern: „zum (allgemeinen) Guten“; ja, auch nicht einfach: „zum Guten“, damit nicht etwa der Fortgeschrittene sage: „Sieh’, ich ziehe ja zum Guten“, sondern der Apostel fügt bei: „zur Erbauung“. Bist du daher auch ein Reicher, bist du auch in einer obrigkeitlichen Stellung, so sei nicht dir selbst gefällig, sondern trachte, dem Armen, dem Notleidenden gefällig zu sein! Auf diese Weise wirst du wahren Ruhm erlangen und vielen Nutzen stiften. Der weltliche Ruhm schwindet bald dahin; dagegen bleibt der, den du dir durch geistliche Werke erworben hast, wenn du handelst zur Erbauung. Darum verlangt dies der Apostel von allen; es heißt darum nicht: „einer oder der andere“, sondern: „jeder von euch“. — Nachdem der Apostel etwas so Großes anbefohlen und geboten hat, sogar mit Darangabe der eigenen Vollkommenheit des andern Schwäche aufzurichten, führt er wieder Christus als Beispiel an, indem er spricht:

 

 

 

V. 3: „Denn auch Christus war nicht selbstgefällig.“

 

 

 

Das macht der Apostel immer so. Auch da, wo er vom Almosen spricht, führt er Christus als Beispiel an, indem er spricht: „Ihr kennt ja die Gnade des Herrn, daß er, der so reich ist, unseretwegen arm geworden ist.“2 Und wenn er zur Liebe ermahnt, treibt er durch denselben Hinweis dazu an, indem er spricht: „Wie auch Christus uns geliebt hat“3 Und wenn er den Rat gibt, Schmach und Gefahren zu ertragen, nimmt er wieder zu Christus seine Zuflucht, indem er sagt: „Welcher statt der Freude, die ihm zu Gebote stand, das Kreuz ertrug, der Schmach ungeachtet“4. So zeigt der Apostel auch hier, daß Christus dasselbe getan habe und der Prophet es schon vorausgesagt habe. Er fährt nämlich fort:

 

 

 

Die Schmähungen deiner Schmäher sind auf mich gefallen.“

 

 

 

Was heißt es: „Er war nicht selbstgefällig? — Es war ihm möglich, nicht geschmäht zu werden, es war ihm möglich, nicht zu leiden, was er litt, wenn er nur hätte auf sich selbst schauen wollen. Aber das wollte er nicht. Er schaute vielmehr auf unser Wohl und nahm nicht Rücksicht auf sein eigenes. — Und warum sagt der Apostel nicht: „Er entäußerte sich selbst“? Weil er nicht allein zum Ausdruck bringen wollte, daß er Mensch geworden sei, sondern auch, daß er Schmach erlitten habe und daß er bei vielen in gar keinem hohen Ansehen gestanden sei, da er von ihnen für einen schwachen Menschen gehalten wurde. „Bist du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuze!“ und: „Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen“5. Der Apostel erwähnt gerade das, was ihm zu dem vorliegenden Gegenstand paßt, und beweist noch viel mehr als er versprochen hat. Er beweist nämlich nicht nur, daß Christus Schmähungen erfahren habe, sondern auch der Vater. „Die Schmähungen der Schmäher sind auf mich gefallen.“ Der Sinn dieser Stelle ist der: Es ist damit nichts Neues, nichts Unerhörtes geschehen. Die, welche im Alten Bunde sich vermaßen, den Vater zu schmähen, die ließen auch am Sohn ihre Wut aus. Das ist aber deswegen geschrieben, damit wir uns ein Beispiel nehmen. Hier will der Apostel seine Zuhörer zur geduldigen Ertragung von Trübsalen stärken, indem er spricht:

 

 

 

V. 4: „Was früher geschrieben worden ist, das ist zu unserer Belehrung geschrieben worden, damit wir durch die Standhaftigkeit und den Trost der Hl. Schrift die Hoffnung haben.“

 

 

 

Das heißt: damit wir nicht verloren gehen — denn mannigfach sind die Kämpfe innen und außen —, damit wir, gestärkt und aufgemuntert durch die Hl. Schrift, Geduld an den Tag legen, damit wir in Geduld leben und in der Hoffnung verharren. Denn diese beiden stehen in einem Wechselverhältnis zueinander: die Geduld kommt von der Hoffnung, und die Hoffnung von der Geduld; beide aber leiten ihren Ursprung aus der Hl. Schrift her.

 

Hierauf läßt der Apostel seine Rede wieder in ein Gebet übergehen, indem er spricht:

 

 

 

V. 5: „Der Gott der Geduld und des Trostes aber gebe euch Einmütigkeit untereinander im Sinne des Messias Jesus.“

 

 

 

Nachdem der Apostel diesen Wunsch seinerseits ausgesprochen und das Beispiel Christi angezogen hat, fügt er noch das Zeugnis der Hl. Schrift bei, indem er zeigt, daß neben der Schrift auch Christus selbst wieder die Geduld gibt. Darum sagt er: „Der Gott der Geduld und des Trostes aber gebe euch Einmütigkeit untereinander Christus Jesus entsprechend.“ Der Liebe ist es eigen, das, was man für sich wünscht, auch dem andern zu wünschen.

 

Dann aber fügt er bei, um auszudrücken, daß er nicht eine Liebe im gewöhnlichen Sinne des Wortes verlange: „im Sinne des Messias Jesus“. Das tut er überall da, wo es auch eine andere Liebe gibt. Und was ist der Gewinn von dieser Einstimmigkeit?

 

V. 6: „Auf daß ihr einmütig und mit einem Munde preisen möget den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.“

 

Der Apostel sagt nicht bloß: „mit einem Munde“, sondern er will, daß dies auch in Seelengemeinschaft geschehe. Siehst du, wie er alles zu einem Leib vereinigen möchte und wie er seine Rede wieder in einem Lobpreis Gottes ausklingen läßt? Dadurch stimmt er auch am meisten zur Eintracht und Einstimmigkeit. — Dann nimmt der Apostel wieder den Ton der Ermahnung auf, indem er spricht:

 

 

 

V. 7: „Darum nehmet einander auf, wie auch Christus uns aufgenommen hat zur Verherrlichung Gottes.“

 

 

 

Wieder ein Beispiel von oben und ein unsagbarer Gewinn; denn durch unser einträchtiges Zusammenwirken wird Gott am meisten verherrlicht. Wenn du daher auch, gekränkt von deinem Bruder, mit ihm entzweit bist, so bedenke, daß du Gott, deinen Herrn, verherrlichst, wenn du deinen Zorn aufgibst; versöhne dich also deswegen mit ihm, wenn schon nicht deinem Bruder zulieb, ja in erster Linie deswegen! Auch Christus kehrt die Reihenfolge um, wenn er in seinem Gebet zum Vater spricht: „Daran werden alle erkennen, daß du mich gesandt hast, wenn sie eins sind“6.

 

Folgen wir also (der Mahnung des Apostels) und schließen wir uns eng zusammen! An dieser Stelle gilt seine Mahnung nicht mehr bloß den Schwachen, sondern allen. Will jemand sich von dir trennen, so trenne doch du dich nicht von ihm und laß nicht jenes kalte Wort von dir vernehmen: „Wenn mich jemand liebt, so liebe ich ihn auch. Wenn mich mein rechtes Auge nicht liebt, so reiße ich es aus.“ Das sind teuflische Reden und der Engherzigkeit von Zöllnern und Heiden entsprechend. Du aber bist zu einem vollkommeneren Wandel berufen, bist eingeschrieben für den Himmel und höheren Gesetzen unterworfen. Sprich also nicht so, sondern wenn dich einer nicht lieben will, dann erweise ihm gerade recht deine Liebe, damit du ihn an dich ziehst. Denn er ist ja ein Glied von dir. Wenn aber ein Glied gewaltsam vom Körper losgerissen wird, so tun wir alles Mögliche, um es wieder mit ihm zu vereinigen, und wir wenden ihm dann viel größere Fürsorge zu. Auch wird dein Lohn größer sein, wenn du jemanden an dich ziehst, der dich nicht lieben will. Denn wenn Christus befiehlt, solche zum Mahle zu laden, die uns nicht dafür wiedervergelten können, damit die Wiedervergeltung für uns eine um so größere sei, so müssen wir dies um so mehr rücksichtlich der Liebe so halten. Denn wenn dich einer liebt, der von dir geliebt wird, so leistet er selbst die Wiedervergeltung; wenn dich aber einer, den du liebst, nicht liebt, so macht er dir Gott an seiner Stelle zum Schuldner. Außerdem, wenn dich einer liebt, so bedarf dieser nicht sonderlich deiner Fürsorge; wenn er dich aber nicht liebt, dann hat er besondere Behandlung deinerseits nötig. Mache also nicht den Grund, warum du um ihn besorgt sein sollst, zur Entschuldigung dafür, daß du ihn vernachlässigst, und sag nicht: weil er krank ist, brauche ich mich um ihn nicht zu kümmern. Eine Krankheit ist ja in der Tat die Erkaltung der Liebe; du aber sollst das Erkaltete erwärmen. — Was aber, fragst du, wenn er sich nicht erwärmen läßt? — Setze deine Bemühungen fort! — Wenn er sich aber immer mehr entfremdet? — So verschafft er dir wieder größere Vergeltung und läßt dich noch mehr als Nachfolger Christi erscheinen. Denn wenn schon die gegenseitige Liebe ein Erkennungszeichen seiner Jünger ist — „daran sollen alle erkennen“, heißt es, „daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet“7 —, dann bedenke, was erst die Liebe zu einem solchen, der dich haßt, für eine sein wird! Auch dein Herr liebt ja die, welche ihn hassen, und ruft sie zu sich. Ja, je schwächer sie sind, desto größere Sorge trägt er um sie und ruft: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“.8 Zöllner und Sünder würdigt er seiner Tischgesellschaft. Je größere Unehre ihm das Volk der Juden antat, desto mehr Ehre und Rücksicht erwies er ihm. Befleiße dich derselben Handlungsweise! Denn sie ist nichts Kleines; ohne sie kann nicht einmal ein Märtyrer Gott gefallen, wie Paulus sagt. Sprich also nicht: „Ich werde gehaßt, darum mag ich nicht lieben! Gerade deswegen solltest du um so mehr lieben. Übrigens ist wohl nicht gut möglich, daß man für Liebe immer nur Haß fände. Wäre einer auch ein wildes Tier, so liebt er doch die, welche ihn lieben. „Das tun ja“, heißt es, „auch die Heiden und Zöllner“9. Wenn nun aber ein jeder schon die liebt, die ihn lieben, wer wird nicht die lieben, die ihn lieben auch auf Haß hin? Eine solche Handlungsweise trage zur Schau und höre nicht auf zu versichern: „Du magst mich noch so sehr hassen, so werde ich doch nicht aufhören, dich zu lieben.“ So wirst du jede Eifersucht ersticken und jede Kälte verscheuchen. Diese Krankheit kommt nämlich entweder von geistiger Fieberhitze oder Fieberkälte. Beide vermag aber die Kraft der Liebe durch ihre Wärme auf das rechte Maß zu bringen. Siehst du nicht, wie solche, die in unkeuscher Liebe entbrannt sind, von jenen Dirnen es erdulden, daß sie geohrfeigt, angespuckt, ausgeschimpft und auf tausenderlei andere Weise mißhandelt werden? Und was ist die Folge? Bringt sie diese schimpfliche Behandlung etwa von ihrer Liebe ab? Keineswegs, sondern sie entflammt sie nur noch mehr. Und doch sind diese Weiber, abgesehen davon, daß sie Huren sind, auch von gemeiner und niedriger Herkunft, während ihre Liebhaber, die solches erdulden, oft berühmte Ahnen aufzuzählen haben und in mancher andern Beziehung hervorstechen. Nichtsdestoweniger bringt sie das nicht ab und scheidet sie nicht von ihrer Geliebten.

 

Schämen wir uns demnach denn nicht, daß wir nicht imstande sind, eine Liebe gegen Gott an den Tag zu legen, die eine so große Gewalt hat wie die teuflische, sündhafte Liebe? Merkst du denn nicht, daß das die stärkste Waffe ist, die der Teufel gegen uns in der Hand hat? Siehst du denn nicht, daß der böse Geist bereit steht, den an sich zu ziehen, der von uns gehaßt wird, und den Willen hat, dieses Glied sich einzuverleiben? Du aber gehst achtlos vorbei und läßt den Kampfpreis fahren? Der Kampfpreis, der vor dir liegt, ist nämlich dein Bruder. Wirst du seiner Herr, so empfängst du den Lorbeerkranz; kümmerst du dich aber weiter nicht um ihn, so gehst du unbekränzt von dannen. Laß also nicht mehr das teuflische Wort aus deinem Munde vernehmen: „Wenn mich mein Auge haßt, so will ich es nicht mehr sehen“10. Es gibt nichts Schändlicheres als eine solche Rede, obgleich sie viele für das Zeichen eines vornehmen Charakters halten. Aber es gibt nichts Unedleres, nichts Sinnloseres und nichts Törichteres. Das ist es ja, was ich so sehr bedauere, daß das, was Sünde ist, für Tugend angesehen wird; daß einen andern schneiden und ihn unbeachtet lassen für vornehm und fein gilt. Das ist ja der gefährlichste Fallstrick des Teufels, daß er dem Bösen den Schein des Guten zu geben weiß; gerade deswegen ist ihm auch so schwer beizukommen. Ich habe schon oft Leute sich rühmen hören, daß sie solchen, mit denen sie auseinander geraten sind, nicht mehr nahe kommen mögen. Und doch macht sich der Herr gerade daraus eine Ehre. Wie oft haben ihm die Menschen nicht ihre Verachtung gezeigt? Wie oft haben sie ihn nicht von sich gestoßen? Er aber hört nicht auf, ihnen nachzulaufen.

 

Sag’ also nicht: „Ich kann solchen, die mich hassen, nicht nahe kommen“, sondern sprich: „Ich kann solchen keine Verachtung zeigen, die mir sie zeigen.“ Das ist die Sprache eines Jüngers Christi, wie die andere die des Teufels. Die eine verschafft Ansehen und Ruhm, die andere Schande und Spott. Darum bewundern wir Moses, der, als Gott sprach: „Laß mich, ich werde sie vernichten in meinem Zorne“, sich von den Juden nicht abwenden konnte, obgleich sie ihn so oft beleidigt hatten, sondern daß er sprach: „Wenn du ihnen die Sünde nachlassen willst, so laß sie ihnen nach, sonst tilge auch mich aus“11 Er war ja ein Freund und Nachahmer Gottes.

 

Rühmen wir uns also nicht solcher Dinge, deren wir uns schämen sollten! Sprechen wir nicht wie die gemeinen Leute von der Gasse: „Ich verstehe es, Tausenden Verachtung zu zeigen“, sondern wenn ein anderer so spricht, dann wollen wir ihn auslachen und ihn schweigen heißen, weil er sich mit etwas rühmt, dessen er sich schämen sollte. Was sprichst du da? Du zeigst einem Gläubigen Verachtung, den Christus nicht verachtet hat, als er noch ein Ungläubiger war? Doch was sage ich: er hat ihn nicht verachtet? Er hat ihn sogar so sehr geliebt, daß er für ihn, da er noch sein Feind und (an seiner Seele) ganz unschön war, gestorben ist. In diesem Zustande hat er ihn geliebt, und du willst ihn verachten jetzt, nachdem er wunderbar schön, ein Glied Christi und ein Bestandteil seines Leibes geworden ist? Bedenkst du nicht, was du da sagst? Siehst du nicht ein, was für ein gewagtes Wort du da aussprichst? Er hat Christus zu seinem Haupt, zu seinem Tisch, zu seinem Kleid, zu seinem Leben, zu seinem Licht, zu seinem Bräutigam, alles ist er ihm, und du wagst es, auszusprechen: „Ich verachte diesen Menschen“? Ja, nicht allein, das, sondern auch tausend andere mit ihm? Halt ein, Mensch, laß ab von deiner Raserei, erkenne deinen Bruder! Lerne einsehen, daß solche Reden sinnlos und verrückt sind, und sprich im Gegenteil: „Wenn er mir auch tausendmal Verachtung bezeigt, ich will mich nicht von ihm abwenden.“ So wirst du deinen Bruder gewinnen und ein Leben führen zur Verherrlichung Gottes und der zukünftigen Güter teilhaftig werden, die wir alle erlangen mögen durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, mit dem Ehre sei dem Vater zugleich mit dem Hl. Geiste jetzt und allezeit bis in Ewigkeit. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar des Hl. Johannes Chrysostomus zum Evangelium des Sonntags (Text aus der elektronischen BKV)

 

 

 

V.27: "Und als Christus weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrieen und riefen: Erbarme Dich unser, Sohn Davids.

 

 

 

V.28: Und als er in seine Wohnung eingetreten war, kamen die Blinden zu ihm, und Jesus sprach zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich die Macht habe, dies zu tun? Sie antworteten: Ja, Herr.

 

 

 

V.29: Da berührte er ihre Augen und sprach: Es geschehe euch nach eurem Glauben.

 

 

 

V.30: Und ihre Augen wurden geöffnet."

 

 

 

Warum hielt denn der Herr die schreienden Blinden so lange hin? Weil er uns auch hier wieder die Lehre geben wollte, nicht das Lob und die Bewunderung der großen Menge zu suchen. Da gerade seine Wohnung in der Nähe war, so führte er sie dorthin, um sie im Verborgenen zu heilen. Das geht auch daraus klar hervor, dass er befahl, niemand etwas zu sagen. Darin liegt aber kein geringer Vorwurf gegen die Juden, dass diese beiden, die da blind waren, vom bloßen Hören den Glauben annahmen, während jene, die des Herrn Wunder schauten und deren Augen Zeugen für das Geschehene waren, gerade das Gegenteil taten. Beachte aber auch, wie groß der Blinden Ungestüm ist. Davon zeugt sowohl ihr lautes Schreien als auch ihre Bitte selbst. Sie kamen nicht bloß einfachhin zum Herrn, sondern kamen unter großem Schreien, und ohne etwas anderes zu rufen als nur immer: Erbarmen! Sohn Davids nannten sie ihn aber, weil sie dies für einen Ehrennamen hielten. So haben auch die Propheten gar oft die Könige, die sie ehren und auszeichnen wollten, mit diesem Namen genannt12 . Und nachdem er sie in sein Haus geführt hatte, legte er ihnen eine zweite Frage vor. Gewöhnlich trachtete der Herr, erst dann zu heilen, wenn er darum gebeten worden war, damit keiner glaube, er wirke nur deshalb so eifrig Wunder, um sich damit Ruhm und Ehre zu verschaffen. Außerdem wollte er zeigen, dass jene der Heilung auch würdig seien und wollte zugleich verhindern, dass jemand sagte: Wenn er nur aus Mitleid half, so hätte er allen helfen sollen. Denn auch sein Mitleid war im gewissen Sinne veranlaßt durch den Glauben derer, die er heilte. Aber nicht bloß deshalb verlangte er Glaube von ihnen; da sie ihn Sohn Davids genannt hatten, so wollte er sie zu noch Höherem führen und sie alles lehren, was sie von ihm glauben sollten. Deshalb fragte er: "Glaubt ihr, dass ich die Macht habe dies zu tun?" Er sagte nicht: Glaubt ihr, dass ich meinen Vater anrufen kann, dass ich bitten kann, sondern: dass ich die Macht habe, dies zu tun".

 

 

 

Was antworteten nun die beiden? "Ja, Herr." Sie nennen ihn nicht bloß Sohn Davids, sondern schwingen sich schon zu höherer Einsicht auf und bekennen ihn als Herrn. Da endlich streckt auch er die Hand aus und spricht: "Es geschehe euch nach eurem Glauben." Das tut er um ihren Glauben zu stärken, und zu zeigen, dass auch sie einen Anteil hatten an dem Wunder, sowie um sie zu überzeugen, dass diese Worte keine Schmeichelei enthielten. Er sagte nicht: Es sollen euch die Augen geöffnet werden, sondern: "Es geschehe euch nach eurem Glauben."Das sagte er später vielen von denen, die zu ihm kamen, weil er eben darauf bedacht war, vor der Heilung des Leibes den Glauben in der Seele aufzurichten, damit sie nachher selber eifriger wären und damit auch der Eifer der anderen wachse. So machte er es auch bei den Gichtbrüchigen. Bevor er dem Leib die Kraft zurückgab, richtete er die darniederliegende Seele wieder auf und sprach: "Habe Mut, mein Sohn, deine Sünden sollen dir nachgelassen sein"13 . Auch das Mädchen, das er auferweckte, faßte er an, und gab ihr durch die Speise, die sie nehmen mußte, zu erkennen, wie er ihr Wohltäter sei. Ebenso verfuhr er mit dem Hauptmanl, bei dem er ebenfalls alles seinem Glauben zuschrieb. Und als er seine Jünger aus dem Seesturme errettete, da befreite er sie zuerst von ihrem Kleinglauben. So machte er es also auch hier bei den zwei Blinden. Er kannte zwar ihre verborgene Gesinnung schon, bevor sie zu rufen anfingen. Um aber auch den anderen denselben Eifer mitzuteilen, machte er sie auch auf die beiden aufmerksam, und offenbarte deren verborgenen Glauben durch ihre endliche Heilung. Nachdem er sie aber geheilt, befiehlt er, niemanden etwas davon zu sagen. Ja, er befiehlt es nicht bloß, sondern schärft es ihnen mit großem Nachdruck ein. Denn "Jesus fuhr sie heftig an und sagte: Sehet wohl zu, dass keiner es erfahre."

 

 

 

V.31: "Die aber gingen weg und verbreiteten seinen Ruf in der ganzen Gegend."

 

 

 

Die beiden brachten es nicht fertig, zu schweigen; sie wurden zu Herolden und Evangelisten, und obgleich sie geheißen worden, das Geschehene zu verheimlichen, konnten sie es doch nicht für sich behalten. Wenn wir aber anderswo finden, dass der Herr sagte: "Gehe hin und verkünde den Ruhm Gottes"14 , so steht das nicht im Widerspruch mit dem anderen, sondern paßt sogar ganz gut dazu. Der Herr will uns eben damit die Lehre geben, dass wir nicht bloß nie von uns selber reden, sondern sogar diejenigen hindern sollen, die uns loben wollen. Wenn aber die Ehre auf Gott zurückfällt, dann sollen wir den Leuten nicht nur kein Hindernis in den Weg legen, sondern ihnen sogar befehlen, dies zu tun.

 

 

 

V.32: "Als sie aber hinausgingen, siehe, da brachten sie einen Menschen, der stumm war und vom Teufel besessen."

 

 

 

Er war nämlich nicht von Natur aus stumm, sondern durch Einwirkung des Teufels. Deshalb mußte er sich auch von andern führen lassen. Selbst konnte er ja seine Bitte nicht vortragen, da er stumm war, und konnte auch die anderen nicht darum anflehen, weil der Dämon seine Zunge gefesselt und mit der Zunge auch die Seele gefangen hielt. Deshalb verlangte auch der Herr den Glauben nicht von ihm, sondern heilte ihn sofort von der Krankheit.

 

 

 

V.33: "Denn", heißt es, "nachdem der Teufel ausgetrieben war, redete der Stumme. Die Leute aber wunderten sich und sagten: So etwas hat man noch nie gesehen in Israel."

 

 

 

Dies ärgerte die Pharisäer gewaltig, dass die Leute den Herrn für größer hielten, als alle anderen, nicht bloß von denen, die damals lebten, sondern von allen, die jemals auf der Welt waren. Die Leute hielten ihn aber für größer, nicht weil er Krankheiten heilte. sondern weil er sie mit solcher Leichtigkeit und Schnelligkeit heilte, und zwar unzählig viele und sogar Unheilbare. So also redete das Volk.

 

 

 

Die Pharisäer aber taten das gerade Gegenteil. Sie verdächtigten nicht nur das geschehene Wunder, sondern scheuten sich nicht einmal, sich selbst zu widersprechen. So geht es eben, wenn man bösen Willen hat. Und was sagen sie denn?

 

 

 

V.34: "Durch den obersten der Teufel treibt er die Dämonen aus."

 

 

 

Was gibt es wohl Unsinnigeres als das? Es ist ja, wie der Herr im folgenden sagte, ganz und gar unmöglich, dass ein Teufel Teufel austreibe. Der Teufel pflegt ja sein Eigentum wohl zu hüten, nicht aber zu zerstören. Der Herr hatte aber nicht bloß Dämonen ausgetrieben, sondern auch Aussätzige gereinigt, Tote auferweckt, das Meer besänftigt, Sünden nachgelassen, das Himmelreich gepredigt und Seelen seinem Vater zugeführt. Alles das mochte und konnte ja doch ein Teufel niemals zustande bringen. Die Dämonen treiben die Menschen den Götzen zu und von Gott weg, und suchen ihnen den Glauben an das jenseitige Leben zu nehmen. Wenn ein Dämon beschimpft wird, erweist er keine Wohltaten dafür sucht er ja doch auch ohne Schmähung denen zu schaden, die ihn anbeten und verehren. Christus dagegen tut das gerade Gegenteil. Nachdem er selbst Beschimpfungen und Schmähungen erfahren hatte da heißt es:

 

 

 

V.35: "Durchwanderte er alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Himmelreich und heilte alle Krankheiten und Gebrechen."

 

 

 

Ja, er hat diejenigen, die ihn schmähten, nicht nur nicht gestraft, sondern erteilte ihnen nicht einmal einen einfachen Tadel. Damit zeigte er seine Sanftmut, und widerlegte so auch das böse Gerede. Sogleich wollte er durch kommende Wunderzeichen noch größere Beweise bieten und dann erst auch den mündlichen Tadel folgen lassen. Er ging also in die Städte, Dörfer und Synagogen, und gab uns dadurch die Lehre, Verleumdungen so zu vergelten, nicht auch unsererseits schlecht zu reden von anderen, sondern ihnen nur um so mehr Gutes zu tun. Wenn du also deinen Nächsten nicht um der Menschen, sondern um Gottes willen Gutes tust, so lasse von deinen Wohltaten nicht ab, was immer die dir auch tun mögen; dann wird dein Lohn nur um so größer sein. Wer aber infolge böser Nachreden vom Wohltun abläßt, der zeigt dadurch, dass er wegen des Lobes der anderen, nicht um Gottes willen diese Tugend geübt hat. Christus wollte uns also zeigen, dass er nur aus lauter Güte so handle; deshalb wartete er auch nicht, bis die Kranken zu ihm kamen, sondern ging selbst zu ihnen, um ihnen zwei große Wohltaten zu erweisen: erstens um ihnen das Reich Gottes zu verkünden, zweitens um sie von allen Krankheiten zu heilen. Dabei ließ er keine Stadt aus, ging an keinem Dorfe vorbei, sondern besuchte jeden Ort. Ja, selbst damit begnügte er sich nicht, sondern zeigte auch in anderer Weise sein Wohlgefallen für sie.

 

1 Gal. 6, 1.

 

2 2 Kor. 8, 9.

 

3 Eph. 5, 25.

 

4 Hebr. 12, 2.

 

5 Matth. 27, 40. 42.

 

6 Joh. 17, 23.

 

7 Joh. 13, 35.

 

8 Matth. 9, 12.

 

9 Matth. 5, 46.

 

10 Eine andere Lesart ist: „Wenn mich mein Bruder haßt, …“ Der Sinn ist: „Wenn mich jemand haßt, der mir so nahe steht wie mein Auge …“

 

11 Exod. 32, 10. 31-32.

 

12Jes 7,13;38,5

 

13Mt 9,2

 

14Lk 8,39

 

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